RUSSLAND: Eine Stadt soll umziehen

Moskau will mehr als 4500 alte Wohnhäuser abreissen lassen. Das Projekt ist ein 50-Milliarden-Franken-Geschäft für die reiche Hauptstadt, Millionen Bürger sollen dafür umziehen. Bürgermeister Sergei Sobjanin überhört alle Proteste.

Stefan Scholl, Moskau
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Häuserabriss in Moskau. (Bild: Sergei Karpukhin/Reuters (21. April 2017))

Häuserabriss in Moskau. (Bild: Sergei Karpukhin/Reuters (21. April 2017))

Stefan Scholl, Moskau

Bürgermeister Sergei Sobjanin redet mit Engelszungen. «Für die Aufnahme in das Programm sind zwei Faktoren entscheidend: erstens der technische Zustand des Hauses. Zweitens, und das ist das Wichtigste, der Wille der Bürger.» Man werde für die Umzugswilligen schlüsselfertige Wohnungen bauen, nicht der «Economy-, sondern der Komfortklasse».

Moskaus Stadtoberhaupt gibt seit Tagen reihenweise Interviews, die nur ein Thema haben: den geplanten Abriss von gut 4500 Wohnhäusern. Zum grössten Teil «Chruschtschowkas», so nennt der Volksmund die Fünf-Etagen-Bauten mit 60 bis 100 Wohnungen, die vom Ende der 50er- bis in die 80er-Jahre gebaut wurden. Billigwohnraum, berüchtigt für 2,5 Meter niedrige Decken und winzige Fünf-Quadratmeter-Küchen.

«Eine Chruschtschowka zu renovieren ist zwecklos», sagt Nadeschda Kosarjewa, Professorin der Moskauer Hochschule für Urbanistik. Es sei leichter, sie abzureissen und neu zu bauen. Unlängst veröffentlichte die Stadtverwaltung eine vorläufige Liste der Abrisskandidaten, laut BBC sind auch Dutzende solider und einzelne historisch wertvolle Stein- und Ziegelhäuser aus der Stalin-Ära und der Zarenzeit darauf geraten. Während viele Bewohner baufälliger Chruschtschowkas sich beklagen, sie seien nicht berücksichtigt worden. Vom 15. Mai bis zum 15. Juli sollen nun die Bewohner der betroffenen Häuser über deren Schicksal abstimmen. Wenn in einem Haus zwei Drittel dafür sind, wird abgerissen. Allerdings hat die Staatsduma gerade erst beschlossen, die zweite Lesung des Gesetzes zu diesem Projekt zu verschieben, bis die Abstimmung vorbei ist. So herrscht Ungewissheit, worüber die Betroffenen überhaupt abstimmen.

«Weiss nicht, wohin sie mich umsiedeln wollen»

«Ich weiss nicht, ob ich dafür oder dagegen bin», sagte eine Betroffene namens Ludmilla dem Kanal «TV Rain». «Ich habe keine Ahnung, wohin sie mich umsiedeln wollen.» Die Abrissliste gilt als vorläufig. In den Chruschtschowkas herrscht banges Raten, ob man betroffen sein könnte.

Bei den Abrissplänen geht es um Eigentumswohnungen. Fast alle Bewohner haben sie Anfang der Neunzigerjahre privatisiert, oder später gekauft. Wohneigentum gilt in Russland und erst recht im teuren Moskau als Heiligtum. Für zusätzliche Nervosität sorgen drei verschiedene Abstimmungsverfahren: Ausser gesetzlich vorgesehenen Eigentümerversammlungen bietet die Stadtverwaltung auch eine Stimmabgabe in staatlichen Service-Zentren oder auf dem Internetportal «Aktive Bürger» an. Kritiker beklagen, es gebe keine Möglichkeit, die Ergebnisse dort zu kontrollieren.

Auch die Ausmasse des städtischen Vorhabens erregen die Gemüter in Russlands Hauptstadt. Nach Schätzungen von Experten werden 25 Millionen Quadratmeter Wohnraum abgerissen, aber dreimal so viel gebaut, um die Umsiedlung zu finanzieren. Dafür werde man 70 Millionen Quadratmeter Wohnraum verkaufen, für umgerechnet etwa 50 bis 80 Milliarden Euro. Ein gigantisches Immobilienprojekt, mindestens doppelt so voluminös wie der Jahresetat Moskaus.

Der Architekturkritiker Grigori Rewsin hat ausgerechnet, dass 1,6 Millionen Moskauer umziehen müssten, dazu würden sich 4 Millionen Neubürger in den zusätzlichen Wohnraum einkaufen. «Als würde Sankt Petersburg nach Moskau umgesiedelt.» Und das ins erweiterte Stadtzentrum, wo Kindergartenplätze und Parkraum schon jetzt knapp sind.

Bürgermeister rechnet mit schweigender Zustimmung

Der Streit um den Generalabriss übertönt in Moskau inzwischen alle politischen Debatten. Befürworter werfen den Kritikern vor, sie wollten das Volk gegen sein eigenes Wohl aufhetzen. Aber viele Moskauer trauen Sobjanin nicht, der schon beim Abriss von Geschäftsbauten in den vergangenen Jahren alle Proteste ignoriert hatte. Die Gegner des Massenabrisses wollen am 12. Mai auf die Strasse gehen.

Nach einem Radio-Interview wurde Sobjanin beim Verlassen des Studios von einer Anti-Abriss-Aktivistin gefragt, warum die Stadtverwaltung Bewohner, die sich bei der Abstimmung nicht beteiligten, als Befürworter zählen wolle. «Weil die Mehrheit dieser Bewohner einverstanden sind», antwortete er ungerührt. Russlands Staatsmacht rechnet offenbar weiter fest mit schweigender Zustimmung.