RUSSLAND: Der Mann für Platz zwei

Unternehmer Pawel Grudinin will bei den Präsidentschaftswahlen hinter dem voraussichtlichen Sieger Wladimir Putin Zweiter werden. Mehr Ambitionen hat er nicht.

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Pawel Grudinin ist keiner, der Wladimir Putin als Gauner beschimpft. «Die starke Seite unseres Präsidenten ist zu seiner Schwäche geworden», plauderte er zwar unlängst in einem Interview mit dem Blogger Juri Dud. Putin fehle leider die Härte, um nicht professionelle Untergebene wie Premier Dmitri Medwedew zu entlassen. «Das Prinzip, sein Leute nicht ihm Stich zu lassen, ist für Putin zum Problem geworden.» Keine wirklich vernichtende Kritik.

Pawel Grudinin, 57, kandidiert bei den Präsidentschaftswahlen für die Kommunistische Partei Russlands (KPRF) gegen Wladimir Putin. Und der Grossbauer aus der Region Moskau hat sich zum Geheimfavoriten gemausert, wenn auch nur auf Platz zwei. Nach der jüngsten Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM belegt er diese Position schon jetzt mit 6,9% – weit hinter Putin (71,4%)

Grudinin, studierter Agraringenieur und Jurist, leitet seit über 20 Jahren die Sowchose «Lenin» südlich von Moskau, die tatsächlich eine Aktiengesellschaft ist, und ihm inzwischen zu über 42% gehört. Berühmt wurde dieser kapitalistische Kollektivbetrieb mit seiner Erdbeerenzucht, obwohl Kritiker Grudinin vorwerfen, er importiere den Grossteil seiner Beeren und verdiene hauptsächlich mit der Verpachtung von «Lenin»-Feldern an Einkaufszentren und Industriebetriebe.

Die politische Öffentlichkeit Russlands aber rätselt, warum Grudinin, vormals Bürgermeister des Moskauer Vororts Widnoje und Regionalparlamentarier, nun Putin heraus-fordert. Beobachter glauben, der Kreml habe den alternden Kommunistenchef Gennadi Sjuganow genötigt, selbst nicht anzutreten, um diesen eher formalen Wahlkampf mit Grudinin als frischen, aber loyalen Wettbewerber zu beleben. Ein gemütlicher Gegenkandidat, kein Feind wie der Korruptionsbekämpfer Alexei Nawalny, den man erst gar nicht zu den Wahlen zulässt.

Grudinin scheint keiner zu sein, der sich vor Ehrgeiz zerreisst. Im Dezember nach seinen Zukunftsplänen befragt, antwortete er: «Ich würde gern so lange leben, bis Russland wieder ein grosses Land geworden ist.» Und er lachte. «Aber da muss ich lange leben.» Ein Wahlkämpfer mit Humor.

Stefan Scholl, Moskau

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