Fussball-WM
Russische Machtspiele – Wie abhängig sind internationale Sportorganisationen?

Von Olympia ausgeschlossen, von der Sportwelt geächtet – doch das scheinbar isolierte Zarenreich punktet längst nicht nur als Organisator der Fussball-WM

Rainer Sommerhalder
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Eine grosse Show: Die Olympischen Spiele in Sotschi sollten über Russland hinausstrahlen.

Eine grosse Show: Die Olympischen Spiele in Sotschi sollten über Russland hinausstrahlen.

KEYSTONE

Wie wichtig ist Russland für den Sport? Und wie abhängig sind internationale Sportorganisationen von russischer Macht und russischem Geld? Auf den ersten Blick ist die Antwort klar. Der Stellenwert der Russen hat durch den Skandal um systematisches, vom Staat orchestriertes Doping bei den Olympischen Heimspielen 2014 in Sotschi arg gelitten. Die stolze Nation musste die Schmach über sich ergehen lassen, bei den diesjährigen Winterspielen in Südkorea nicht unter eigener Flagge antreten zu dürfen. In einigen Sportverbänden werden russische Sportler derzeit geächtet. Das Dopinglabor in Moskau und die russische Agentur für Antidoping (Rusada) sind auf unbestimmte Zeit ausgeschlossen. Nach den neuen Richtlinien der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) dürfen als Konsequenz bis auf weiteres keine Titelkämpfe ins Land vergeben werden.

Russland also als Verlierer auf der ganzen Linie? Weit gefehlt. Die Fussball-Weltmeisterschaft befördert Russland in den nächsten 30 Tagen zum Epizentrum des Weltsports. Fifa-Präsident Gianni Infantino erweist sich dabei als perfekter Handlanger von Staatschef Wladimir Putin, der schon vor Jahren den Befehl an seinen Machtapparat ausgegeben hat, die Nation wieder zur sportlichen Supermacht zu trimmen. Infantinos übertriebene Vorschusslorbeeren für den WM-Gastgeber, die grosszügig über alle Bedenken zur Vergabe, zu den Arbeitsbedingungen auf den Baustellen, der grassierenden Korruption und der ungelösten Dopingsituation hinwegschauen, adeln den Organisator Russland bereits im Vorfeld des Turniers.

Moskau gewinnt an Einfluss

Laut dem im April durch das dänische Olympische Komitee veröffentlichten Index für politische Macht im Sport ist Russland heute die zweiteinflussreichste Nation, gemessen an der Präsenz von Russen in der Exekutive von internationalen Sportorganisationen. Und das Land hat seine Stellung trotz Dopingskandalen und politischen Animositäten mit dem Westen seit dem letzten Bericht 2015 verbessert. Paul Broberg, einer der Autoren der Studie, sagt: «Die Macht im Sport bewegt sich von West nach Ost. Länder des ehemaligen Ostblocks haben in den letzten Jahren aggressiv die Macht in der Sportpolitik gesucht.»

Wladimir Putin schickt bei Anstrengungen um seine Herzensangelegenheit Spitzensport immer wieder die wohlhabenden Oligarchen aufs Spielfeld. Sie schufen nicht nur die Voraussetzungen, dass die teuersten Winterspiele der Geschichte in Sotschi stattfanden, die modernsten Stadien für die Fussball-WM bereitstehen und in den letzten sieben Jahren mit Formel 1, Eishockey-, Leichtathletik- und Schwimm-WM viele weitere Grossanlässe ins Land geholt wurden. Russische Milliardäre tummeln sich auch in den Führungsriegen von Sportverbänden und engagieren sich als mächtige Sponsoren. So tritt der teilstaatliche Energiekonzern Gazprom im Fussball wuchtig bei der Fifa und der Champions League auf.

Die Liste der Oligarchen in Machtpositionen des Sports ist lang. Nicht nur unterstützen die zehn reichsten Russen auf Geheiss von Putin die staatliche Sportförderung und sind Oligarchen im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion als Besitzer von Sportklubs weit verbreitet. Am häufigsten genannt wird im Sport der Name Alischer Usmanow. Der Unternehmer tritt in Erscheinung als Präsident des internationalen Fechtverbands, hat dem russischen Fussballverband mit rund 20 Millionen Dollar unter die Arme gegriffen und ist Mitbesitzer von Arsenal London.

Usmanow ist nicht allein. Öl-Magnat Igor Makarow sitzt als Strippenzieher im Vorstand des Welt-Radsportverbandes. Oligarch Kirsan Iljumschinow ist Präsident des Weltschachbundes, Roman Abramowitsch Besitzer des FC Chelsea. Michail Prochorow, der Eigentümer des NBA-Basketballteams Brooklyn Nets und frühere Biathlon-Verbandspräsident, trat zwar bei den vorletzten Präsidentenwahlen gegen Putin an, ist aber mit seinen Aktionen im Sport stramm auf Kreml-Linie. So hat er jüngst in den USA Anzeige gegen den prominentesten russischen Whistleblower Grigori Rodtschenkow eingereicht und kritisiert Wada und Olympisches Komitee (IOC) aufs Schärfste.

Die ebenso illustre wie potente Truppe erhält bald prominenten Zuwachs. Der reichste Mann Russlands, Stahlmagnat Wladimir Lisin, wird im November aller Voraussicht nach zum Präsidenten des Internationalen Schiesssportverbandes gewählt. Die russischen Oligarchen fühlen sich durch Tugenden wie Leistungsstreben und Siegermentalität angezogen, machen sich den Sport zunutze, um international beachtet und anerkannt zu werden. Zudem dient das sportliche Engagement dem eigenen Ansehen im Kreml. So erhielt der Putin-Vertraute Oleg Deripaska für Olympia und WM Milliardenaufträge des Staates unter der Hand.

«Im Sport eine Supermacht»

Für den deutschen Investigativ-Journalisten Hajo Seppelt, der mit seinen Recherchen den russischen Dopingskandal ans Tageslicht brachte, ist klar: «Der Einfluss von bestimmten russischen Funktionären sowie von Sponsoren und Oligarchen ist sehr bedenklich. Er hat dazu geführt, dass Russland beim Staatsdoping eine Vorzugsbehandlung genoss.» Seppelt warnt vor den Auswirkungen dieser Abhängigkeiten im internationalen Sport: «Es liegt auf der Hand, dass es durch abhängige Finanzen und Funktionäre in Sportverbänden zu fragwürdigen Entwicklungen kommt.»

Ins gleiche Horn bläst Søren Bang von der internationalen Nicht-Regierungs-Organisation «Play the Game», die darauf abzielt, Demokratie, Transparenz und freie Meinungsäusserung im Sport zu fördern. «Während Russland im traditionellen politischen und militärischen Sinne nicht mehr die gleiche Macht wie früher hat, ist es im internationalen Sport sicherlich eine Supermacht. Auch innerhalb der Sportorganisationen, die den Sport kontrollieren», sagt Bang.

Die Frage, ob der Sport Russland als Teil seiner «Familie» brauche, sieht der Däne differenziert: «Wenn man auf einen weniger dopingbelasteten Sport hinarbeiten will, braucht niemand wirklich Russland, bis es seine Vergangenheit aufgearbeitet hat. Aber diese Sichtweise ist für viele Sportverantwortliche oft weniger wichtig. Diese betrachten eher die Universalität des Sports als ein viel wichtigeres Ziel. Aus dieser Perspektive verstösst es tatsächlich fast gegen das Naturgesetz, Russland nicht an Bord zu haben.»

Positive Entwicklungen

Nicht alle westlichen Funktionäre stimmen in das Russland-Bashing ein. Der Schweizer Patrick Baumann, einer der führenden Köpfe unter den olympischen Ringen und von Beobachtern sogar als künftiger IOC-Präsident gehandelt, wirbt um Verständnis: «Dass man noch keine definitive Lösung gefunden hat, wie man Russland zurück in den Sport holt, macht es sehr kompliziert. Viele russische Sportler und Sportverbände leiden, obwohl sie gar nichts damit zu tun haben, was passiert ist. Man verliert eine ganze Generation von Athleten, das tut weh.»

Der Deutsche Markus Cramer ist seit 2016 Trainer der russischen Langläufer, die beim Dopingskandal von Sotschi im Auge des Orkans standen. Er glaubt, dass «der russische Sport verstanden hat, dass er etwas verändern muss, um wieder glaubwürdig zu sein». Er sieht Entwicklungen. Das medizinische Personal werde intensiv geschult und den Athleten würden intern harte Strafen angedroht, wenn sie sich nicht an die Vorgaben halten. Und Cramer sagt: «In der Zeit, in welcher ich dabei bin, ist alles sauber gelaufen.» Deshalb und wegen der einzigartigen Sporttradition in Russland ist für den Deutschen klar: «Russland muss wieder dazugehören. Sport sollte verbindend und nicht trennend wirken.» Zumindest die russischen Oligarchen haben diese Verbindung längst gefunden.

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