Russische Bergarbeiter fordern die Politik heraus

Nach dem Grubenunglück vor zehn Tagen in Sibirien kommt die Kohleregion nicht mehr zur Ruhe. Tausende aufgebrachte Bergleute demonstrierten am Wochenende gegen schlechte Arbeitsbedingungen.

Klaus-Helge Donath
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Zusammenstösse zwischen Grubenarbeitern und Polizei. (Bild: ap/Andrei Lednev)

Zusammenstösse zwischen Grubenarbeitern und Polizei. (Bild: ap/Andrei Lednev)

moskau. In Meschduretschensk blockierten sie die zentrale Eisenbahnstrecke zwischen Nowokusnezk und Abakan. Mehrere Stunden lieferten sich Demonstranten und Truppen des Innenministeriums auf den Gleisen eine Schlacht mit Steinen und Knüppeln. 17 Ordnungskräfte wurden verletzt und 30 Demonstranten vorübergehend festgenommen.

Beim Grubenunglück waren 66 Männer ums Leben gekommen, 24 werden noch vermisst. Wegen des hohen Gasanteils in den Schächten wurden die Rettungsarbeiten zeitweise eingestellt.

Streit wegen Lohn

Moskaus zentrales Fernsehen berichtet keine Einzelheiten über die Ereignisse im Kohlerevier. Die Kumpels in Sibirien haben den Ruf, nicht lange zu fackeln. Schon einmal brachten die streikenden Bergleute Anfang der 1990er-Jahre das politische System ins Wanken. Jede fünfte Tonne Koks für die russische Stahlindustrie wird in Meschduretschensk gefördert.

Der spontane Protest entzündete sich, nachdem der Generaldirektor der Unglücksgrube «Raspadskaja» falsche Angaben zum Lohnniveau machte. Gennadij Kosowoj brachte es in dieser Zeche vom Hauer bis auf Platz 68 in der Forbes-Liste der reichsten Männer. Der Milliardär wies Forderungen nach Lohnerhöhungen zurück, da sein Unternehmen mit 2100 Euro bereits einen hohen Durchschnittslohn zahle. Die Mehrheit der Arbeiter geht aber mit weniger als 800 Euro nach Hause.

Das ist auch einer der Gründe, warum die Bergleute Sicherheitsvorkehrungen missachten und Gas-Sensoren bewusst manipulieren. Um überhaupt etwas zu verdienen, seien sie zum Akkord gezwungen, klagen die Bergleute einmütig. Kosowoj will aber nicht mehr zahlen: Sollten die Arbeiter rebellieren, werde er billige Chinesen anheuern, hat er laut Bloggern gedroht.

Offener Brief an Medwedew

Die politisch Verantwortlichen in der Region wurden von den Protesten überrascht und reagieren kopflos. Gouverneur Tulejew schob «kriminellen Elementen und Alkoholikern» die Schuld dafür in die Schuhe. Und Senatorin Swetlana Orlowa von der Staatspartei «Vereinigtes Russland» sah «radikale, orange und kommunistische Kräfte» am Werk.

Die Kaltschnäuzigkeit und Verachtung, mit der die Machthaber den Kumpels begegnen, trägt wenig zur Entspannung bei. Inzwischen meldete sich im Internet auch ein «Verband der Einwohner des Kusbass» mit einem offenen Brief an Präsident Medwedew zu Wort. Sollten ihre sozialen Anliegen nicht beachtet werden, drohen sie, würden daraus bald politische Forderungen. «Während man mit uns Milliarden verdient, sterben wir zu Hunderten für ein paar Kopeken», heisst es in dem Brief.

Die Initiatoren verlangen die Freilassung aller Inhaftierten, eine dreifache Lohnerhöhung in rentablen Schächten und den Abzug der Sondertruppen. Ferner solle die Verfolgung der freien Gewerkschaften eingestellt werden.

Das Ultimatum läuft am 21. Mai ab, geschähe bis dahin nichts, wolle man in 14 Städten zu einem Aktionstag aufrufen. Wer sich hinter dieser Initiative verbirgt, ist unklar. Die Machthaber haben aber eine Vermutung: die Kommunisten. Die dementieren aber.