Russen stellen sich auf die Kufen

Eislaufen ist quasi Pflicht im russischen Winter. Der Teich nebenan hat dafür längst ausgedient. Es ist der Moskauer Gorki-Park, der den «Katok», so das russische Wort für «Eisbahn», zu einem Event gemacht hat.

Inna Hartwich, Moskau
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Fast der ganze Gorki-Park in Moskau verwandelt sich in der kalten Jahreszeit in eine stimmungsvolle Eisfläche. (Bild: PD)

Fast der ganze Gorki-Park in Moskau verwandelt sich in der kalten Jahreszeit in eine stimmungsvolle Eisfläche. (Bild: PD)

«100 Prozent Eis. 100 Prozent Glück», prangt es in weissen Buchstaben auf schwarzem Grund. Dahinter reihen sich Tausende von Schlittschuhen, in der Weite blinkt eine Wand aus Lichtern im Takt der lauten Bassmusik. Menschen sausen umher und jauchzen dabei. Es ist Winter. Es ist Moskau. Und es ist, nach russischem Verständnis und vor allem nach dem Verständnis von Marketing-Strategen des Gorki-Parks zu urteilen, das reinste Glück.

18000 Quadratmeter Kunsteis hatten die Organisatoren präpariert, da lag auch in Moskau noch kein Schnee. Nun sind es minus 17 Grad, die Stadt ist in Weiss getaucht, in Russland also geradezu Pflicht, sich auf die Kufen zu stellen, ob man nun drei Jahre alt ist oder schon 79.

Erholen und Neues lernen

Der Gorki-Park, dieser Vorreiter in Sachen Eisbahn für die Massen, hat den «Katok», so das russische Wort für das Schlittschuhvergnügen, zu einem Event gemacht. Wie der Park ohnehin von Beginn seiner 90-jährigen Geschichte an vor allem eines verfolgte: Der Mensch sollte sich erholen, inmitten angelegter Ideallandschaft Neues lernen, so Teil einer neuen Bewegung sein und kaum merken, wie sehr der Staat seine Politik darin verfolgt.

Diese als «Zentraler Park für Kultur und Erholung» angelegte Fläche ging als Institution des sowjetischen Lebens genauso wie die Paraden auf dem Roten Platz ins kulturelle Gedächtnis – nicht nur – der Russen ein. Mit seinen imposanten Portalen und Alleen, seinem Springbrunnen und den künstlich angelegten Seen, seinen Statuen von Sportlern oder Tieren war der Gorki-Park 1983 Schauplatz für einen amerikanischen Thriller. Ende der 1980er-Jahre besangen die deutschen Hard­rocker von Scorpions den Park, über dem ein «Wind des Wandels» wehe. Tatsächlich war die mehr als 200 Hektar grosse Anlage immer schon ein Symbol, von dem städtebauliche wie politische Impulse ausgingen.

Neben dem Bau der Metro war die Gestaltung des Parks, der erst 1932 nach dem Schriftsteller Maxim Gorki benannt wurde, ein zentrales Projekt im Umbau-Generalplan Moskaus. Die vielen Bauern, die auf der Suche nach Arbeit in die Stadt geströmt waren, lernten hier, was «Kultur» in der Sowjetunion bedeutet.

Ausgangspunkt der Verwandlung

Der Park war eine Erziehungszone, ein Ort, in dem man trotz stalinistischen Terrors sein kleines Glück fand. Als «Fabrik glücklicher Menschen» hatte der Brite H. G. Wells den Ort 1934 bezeichnet, darauf nehmen die Macher der diesjährigen Eisfläche Bezug, mag da der Begriff auch historisch fragwürdig anmuten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion waren lediglich der Grundriss des Parks geblieben, das Planetarium, das Riesenrad und ein Toilettenhäuschen in Form einer Grotte mit dorischen Säulen. Mit dem neuen Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin änderte sich ab 2011 Russlands Stadtbau-Politik. Wieder war der Gorki-Park der Ausgangspunkt der Verwandlung. Dort, wo noch vor ein paar Jahren eine schäbige Achterbahn vorbeidonnerte, gibt es nun Yoga- und Salsa-Kurse im Sommer und die riesige Eisbahn im Winter.

Die Kinder spielen auf den bestens gepflegten Spielplätzen, Arbeitsnomaden erledigen in schicken Coworking-Spaces ihre Projekte, WLAN gibts gratis. Nach diesem Muster wird in ganz Russland mittlerweile nahezu jeder Park umgestaltet. Erholung, Bildung und Sport stehen wieder im Mittelpunkt. Ein neues gesellschaftliches Bewusstsein soll hier gelernt werden. Auch in Schlittschuhen mitten auf dem Eis.