Rückschlag für Anti-IS-Front

Nach dem Abschuss eines russischen Jagdbombers durch die türkische Luftwaffe droht Präsident Putin mit Konsequenzen. Ein Rückschlag für die geplante Anti-IS-Front.

Michael Wrase/ jürgen Gottschlich
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Wie ein Meteorit stürzt der über der Türkei abgeschossene russische Kampfjet auf syrischem Gebiet ab. (Bild: epa)

Wie ein Meteorit stürzt der über der Türkei abgeschossene russische Kampfjet auf syrischem Gebiet ab. (Bild: epa)

LIMASSOL/ISTANBUL. Erstmals seit Russland mit eigenen Truppen und Kampfflugzeugen im syrischen Bürgerkrieg eingreift, ist gestern früh ein russischer Jet abgeschossen worden.

Die Verantwortung dafür übernahm unmittelbar danach die türkische Luftwaffe. Der russische Kampfbomber, so erklärte der türkische Generalstab, habe mehrmals den türkischen Luftraum verletzt. Er sei per Funk insgesamt zehnmal auf die Luftraumverletzung hingewiesen worden, bevor dann der Befehl zum Abschuss erfolgt sei. Das Flugzeug sei südlich der türkischen Stadt Yayladag getroffen worden, dann aber noch bis in den syrischen Luftraum weitergeflogen und dort abgestürzt.

Krisenstäbe tagen

Noch gestern vormittag tagten sowohl in Moskau wie auch in Ankara Krisenstäbe. Am späteren Nachmittag trat dann die Nato auf Antrag der Türkei zu einer Sondersitzung in Brüssel zusammen. Die türkischen Vertreter informierten über den Zwischenfall, ein Antrag auf militärischen Beistand wurde nicht gestellt.

Der Abschuss des russischen Kampfjets ist der Höhepunkt einer Auseinandersetzung, die seit etwa drei Jahren um ein Gebiet, das südlich der türkischen Provinz Hatay und der Assad-Hochburgen Latakia und Tarsus geführt wird, wo ein russischer Militärstützpunkt und -hafen liegen.

Schon Anfang Oktober hatte sich Ankara über «absichtliche Luftraumverletzungen» durch russische Kampfjets beschwert. Moskau hatte damals von einem «Fehler» gesprochen, der sich nicht wiederholen werde. Dennoch flogen russische Jagdbomber auch in den folgenden Wochen Dutzende von Einsätzen haarscharf an der syrisch-türkischen Grenze, der sich syrische Regierungstruppen in den letzten Tagen genähert haben.

Streit um Turkmenen

Schauplatz der anscheinend erfolgreichen Offensive der Assad-Armee sind die sogenannten turkmenischen Berge im Nordwesten von Syrien, aus denen bis zum Samstag etwa 1500 syrische Turkmenen geflohen waren. «Von der russischen Luftwaffe unterstützte Schiitenmilizen aus Libanon, Irak und Iran haben sie vertrieben», behauptete der Gouverneur der südtürkischen Provinz Hatay.

Einen Tag zuvor hatte das Aussenministerium in Ankara den russischen Botschafter wegen russischer Angriffe auf Turkmenen in Syrien einbestellt. Offiziell liefert die Türkei Waffen an die Turkmenen, inoffiziell auch an Islamisten, die dort gegen die Truppen Assads kämpfen.

Aufständische feiern

Die Piloten des abgeschossenen russischen Jets konnten sich zunächst mit dem Schleudersitz retten. Sicher scheint, dass einer von ihnen den Fallschirmabsprung nicht überlebt hat. Auf YouTube-Videos ist jedenfalls eine leblose Person in einer hellgrünen Uniform zu sehen. Neben dem Toten stehen Aufständische, die lautstark den Tod des «Russi» feiern und anschliessend Gott den Allmächtigen lobpreisen. Der zweite Pilot soll angeblich von turkmenischen Rebellen, die an der Seite der Nusra-Front kämpfen, gefangenen genommen worden sein.

Lawrow sagt Türkeibesuch ab

Wenige Stunden nach dem Abschuss der SU-24 sagte der russische Aussenminister Sergej Lawrow seinen für Mittwoch geplanten Besuch in der Türkei ab. Im Kampf gegen den Terror sei das ein Schlag aus dem Hinterhalt gewesen, sagte Wladimir Putin, der die Türkei als «Helfershelfer von Terroristen» bezeichnete.