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«Routine des Abscheulichen»

Bei einem Attentat sind ein Polizeibeamter und seine Ehefrau in Paris erstochen worden. Die Terrormiliz IS bezeichnete den Täter als einen ihrer «Kämpfer». Experten rechnen mit weiteren Anschlägen.
Stefan Brändle
Im Gedenken an den ermordeten Berufskollegen: Ein Polizist legt am Tatort eine Blume nieder. (Bild: ap/Thibault Camus)

Im Gedenken an den ermordeten Berufskollegen: Ein Polizist legt am Tatort eine Blume nieder. (Bild: ap/Thibault Camus)

Larossi Abballa war ein 25jähriger Sandwich-Verträger aus dem Banlieue-Ort Mantes-la-Jolie. Am Montagabend nahm er aber nur ein Messer mit, als er ein benachbartes Einfamilienhausquartier aufsuchte. Er stach einen 42jährigen Kommissar vor dessen Wohnhaus nieder und nahm dann dessen 36jährige Gattin und ihren dreijährigen Sohn als Geisel.

Am Telefon erklärte er der Polizei, er folge einem IS-Aufruf, während des Fastenmonats Ramadan Ungläubige zu ermorden. «Wir machen aus der EM einen Friedhof», soll er weiter gesagt haben, um darauf den Kontakt abzubrechen. Gegen 21 Uhr berichtete Abballa in einem 12minütigen Video auf Facebook-Live, dass er die beiden Vertreter des französischen Staates getötet habe. Im Hintergrund war das Kleinkind zu sehen. «Was ich mit ihm tue, weiss ich noch nicht», sagte der Täter, der zuvor offenbar auch die Frau mit dem Messer umgebracht hatte.

Gegen Mitternacht stürmte die Einsatzpolizei Raid das Haus. Sie erschoss den Täter und stiess auf das Kleinkind in «Schockstarre», wie Staatsanwaltschaft François Molins gestern sagte.

Täter war der Polizei bekannt

Die Terrormiliz IS bekannte sich nur Stunden nach der Tat über ihre Propagandaagentur Amak zu dem Anschlag. Sie bezeichnete Abballa als einen ihrer «Kämpfer». Präsident François Hollande sprach seinerseits von einem «Terroranschlag». Die Polizei nahm in der Folge drei Bekannte des Jihadisten fest, allerdings ohne Hinweise auf die Existenz einer Terrorbande sicherzustellen. In der Nähe des Tatortes fand sie einen Koran und in Abballas Wohnung ein blutiges Messer. Sie stellte auch eine eine Liste möglicher Terroropfer aus Polizisten, Gefängniswächtern, Journalisten und Rap-Musikern sicher.

Viel zu reden gibt, dass Abballa der Polizei seit Jahren als Radikalislamist bekannt war. Der Kleinkriminelle hatte auch eine Jihad-Reise nach Pakistan geplant; 2013 war er mit anderen zu einer dreijährigen Haftstrafe wegen Beteiligung an einem Jihad-Anwerbenetz verurteilt worden. Auch nach seiner Freilassung wurde Abballa überwacht, sein Telefon monatelang abgehört.

«Einer von Tausenden»

War Abballa den Ermittlern durch die Maschen gegangen? Die meisten Experten verneinen: Der Sohn marokkanischer Immigranten sei einer von «Tausenden» in der französischen Radikalen-Kartei, meinte der Forscher François-Bernard Huyghe vom Pariser Strategie-Institut Iris; sie alle zu überwachen, sei schlicht unmöglich. Offensichtlich habe Abballa in seinem Viertel sehr unauffällig gelebt, ohne einen Salafistenbart oder eine Djellaba zu tragen oder radikale Moscheen zu besuchen.

Ungeklärt ist die Rolle des IS. Im Unterschied zu früheren Attacken scheint die Miliz die Terroranschläge in Orlando und nun in Mantes-la-Jolie nicht selber organisiert und ferngesteuert zu haben. Hingegen wirkten sich ihre militärischen Rückschläge in Syrien aus. «Ein IS-Sprecher hat alle Soldaten seines Kalifates und damit seine Sympathisanten kurz vor Beginn des Ramadans aufgerufen, namentlich in den USA, in Frankreich und in England Attentate zu verüben», meint der französische Spezialist Mathieu Guidère. «Orlando war der Startschuss zu einer neuen Anschlagsserie. Wir müssen uns leider auf das Schlimmste gefasst machen.»

Auch der französische Philosoph Pascal Bruckner meinte gestern in einem Zeitungsbeitrag: «Wir geraten in eine Routine des Abscheulichen.» Das war an sich auf die Vorfälle in Florida gemünzt, liess sich aber wegen der Vorfälle in der Nacht gleich auf den Doppelmord in Mantes-la-Jolie anwenden. Die Behörden reagieren relativ ratlos. Der sozialistische Premierminister Manuel Valls erklärte zum wiederholten Mal, Frankreich befinde sich «im Krieg gegen den Terrorismus». Oppositionschef Nicolas Sarkozy verlangte eine umgehende Erhöhung des Sicherheitsniveaus.

Streiks und Krawalle in 50 Städten

Dazu gingen gestern in 50 französischen Städten Zehntausende von Gegnern der geplanten Arbeitsreform auf die Strasse. In Paris kam es zu schweren Krawallen und Randale. Bei der Staatsbahn SNCF und bei Air France wird weiterhin gestreikt.

Zugleich lancierte die französische Justiz eine Aktion, um gewalttätige russische Fussballfans zu verhaften und des Landes zu verweisen. Am Montag hatte sie britische und andere Fussball-Hooligans zu harten Gefängnisstrafen von bis zu einem Jahr unbedingt verurteilt. Es ist unbestreitbar: Die Fussball-EM macht vorerst mehr Schlagzeilen abseits des Spielfeldes.

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