Roms Fest mit vier Päpsten

Die katholische Kirche hat zwei neue Heilige: Die Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. sind von Papst Franziskus, seinem Vorgänger und Hunderttausenden Gläubigen zur «Ehre der Altäre» erhoben worden.

Dominik Straub/Rom
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300 000 Menschen konnten die Heiligsprechung auf dem Petersplatz verfolgen, weitere 500 000 mussten mit Grossleinwänden vorliebnehmen. (Bild: ap/Alessandra Tarantino)

300 000 Menschen konnten die Heiligsprechung auf dem Petersplatz verfolgen, weitere 500 000 mussten mit Grossleinwänden vorliebnehmen. (Bild: ap/Alessandra Tarantino)

Die Ewige Stadt hat gestern, wie so oft in den letzten fünfzehn Monaten, eine historische Stunde erlebt: Dass zwei Päpste gleichzeitig ins Verzeichnis der Heiligen aufgenommen werden, ist einmalig in der Geschichte der Weltkirche. Ebenso einmalig ist es, dass bei einer Heiligsprechung zwei lebende Päpste anwesend sind: Der amtierende Papst Franziskus hatte seinen Vorgänger, den emeritierten Papst Benedikt XVI., zur Heiligsprechung eingeladen. Joseph Ratzinger wurde gestern von den Gläubigen auf dem Petersplatz mit freudigem Applaus begrüsst. Benedikt galt – wie 700 Bischöfe und 150 Kardinäle – offiziell als «Konzelebrant», auch wenn er nicht am Altar stand, sondern bei den Kardinälen sass.

Auf den Strassen übernachtet

Als die Sicherheitskräfte die Absperrungen zum Petersplatz um fünf Uhr morgens öffneten, waren sogleich Tausende Pilger auf die prächtige, von den Kolonnaden Berninis umsäumte Piazza geströmt. Die meisten dieser Frühaufsteher hatten auf den Strassen und Gassen rund um den Vatikan in Schlafsäcken auf Matten geschlafen, um am Morgen Plätze möglichst nahe am päpstlichen Baldachin zu ergattern. Danach sollte der Pilgerstrom für Stunden nicht mehr abreissen: Von Römer Stadtpolizisten, dem Zivilschutz und Freiwilligen in lange Kolonnen kanalisiert, strebten laut Angaben des vatikanischen Presseamts insgesamt 800 000 Pilger in Richtung Sankt Peter. Viele von ihnen konnten die Heiligsprechung schliesslich nur auf den 18 Grossbildschirmen verfolgen, die in der Innenstadt aufgestellt worden waren: Der Petersplatz und die auf ihn zuführende Via della Conciliazione bietet nur etwa 300 000 Personen Platz.

Ein rot-weisses Fahnenmeer

Das vermochte die Feststimmung freilich nicht zu beeinträchtigen. Die zu Hunderttausenden angereisten polnischen Pilger verwandelten die Heiligsprechung «ihres» Papstes Karol Wojtyla in ein Volksfest mit rot-weissen Fahnen. Auch aus Norditalien, der Heimat des zweiten neuen Heiligen Angelo Roncalli, waren Zehntausende angereist.

Die Heiligsprechung hatte im Grunde schon am Samstag begonnen: Zwölf Kirchen Roms waren die ganze Nacht über geöffnet; in ihnen konnten die Gläubigen beten und der beiden Päpste gedenken. Der eigentliche Akt der Kanonisation, mit dem Franziskus Johannes Paul II. und Johannes XXIII. zur «Ehre der Altäre» erhob, fand kurz nach zehn Uhr gleich zu Beginn der Heiligsprechungszeremonie statt und dauerte nur relativ kurz: Der Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen, Kardinal Angelo Amato, bat den Papst in seiner «petitio» dreimal um die Heiligsprechung der beiden Päpste. Danach verlas Franziskus die lateinische Heiligsprechungsformel – damit können seine seligen Vorgänger nun als Heilige der römisch-katholischen Weltkirche verehrt werden. Anschliessend an die offizielle Erklärung des Papstes wurden die Reliquien der beiden neuen Heiligen auf den Altar gestellt: Bei Roncalli handelt es sich um einen Hautfetzen, bei Wojtyla um eine Ampulle mit seinem Blut, das ihm noch vor seinem Tod zu medizinischen Zwecken abgenommen worden war.

«Zwei mutige Männer»

In seiner Predigt würdigte Papst Franziskus die beiden neuen Heiligen als «zwei mutige Männer, erfüllt vom Freimut des Heiligen Geistes, die für die Kirche und die Welt Zeugnis abgelegt haben von der Güte Gottes und von seiner Barmherzigkeit». Sie seien «Priester, Bischöfe und Päpste des 20. Jahrhunderts» gewesen. Dessen Tragödien hätten sie erfahren, ohne von ihnen überwältigt zu werden.

Für Gläubige waren sie längst heilig

Laut einhelliger Meinung von Kirchenhistorikern sind die beiden bedeutendsten Päpste des 20. Jahrhunderts heiliggesprochen worden. Tatsächlich war die gestrige Heiligsprechung bloss die amtliche Feststellung einer Heiligkeit, die für Millionen Gläubige längst feststand. Bei Johannes Paul II. wurde die sofortige Heiligsprechung («santo subito») bei seiner Abdankung im April 2005 von den Pilgern auf dem Petersplatz gefordert; nach dem Tod von Johannes XXIII. während des Konzils waren es dagegen 300 Bischöfe, die in einer Petition an den neuen Papst die sofortige Erhebung Roncallis zur «Ehre der Altäre» verlangten.

Ganz so schnell ging es nicht, doch beide Päpste erfuhren eine Vorzugsbehandlung: Bei Johannes Paul II. leitete Benedikt XVI. das Kanonisierungsverfahren sofort und nicht erst nach den vorgeschriebenen fünf Jahren ein, bei Johannes XXIII. verzichtete Franziskus auf ein zweites Wunder. «Vergessen wir nicht, dass es gerade die Heiligen sind, welche die Kirche voranbringen und wachsen lassen», sagte Franziskus gestern.

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