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ROM: Grillini verlieren ihre Galionsfigur

Paukenschlag im italienischen Wahlkampf: Wenige Wochen vor den Wahlen verabschiedet sich Beppe Grillo noch ein Stück weiter von seiner eigenen politischen Schöpfung, der Fünf-Sterne-Bewegung.
Dominik Straub, Rom
M5S-Gründer Beppe Grillo bei einer Kundgebung in Rimini. (Bild: Filippo Pruccoli/AP (23. September 2017))

M5S-Gründer Beppe Grillo bei einer Kundgebung in Rimini. (Bild: Filippo Pruccoli/AP (23. September 2017))

Dominik Straub, Rom

«Heute beginnt etwas Ausserordentliches, ein Abenteuer der Befreiung, der Fantasie, der Utopie, der Träume und der Visionen», schreibt Beppe Grillo am Dienstag auf seinem neuen Blog «Utopia». Einen Bezug zur Politik, zum Wahlkampf, zu der von ihm gegründeten Protestbewegung Movimento 5 Stelle (M5S) oder zum Spitzenkandidaten Luigi Di Maio sucht man vergeblich.

«Ich kann keinesfalls ein Bezugspunkt für eure Zukunft sein, diese müsst ihr euch selbst erschaffen», schreibt er an die Aktivisten und Parlamentarier der Protestbewegung. Das Einzige, was neben dieser Absage im neuen Grillo-Blog noch auf seine politische Schöpfung verweist, ist ein Link zur offiziellen Internetseite des M5S, den «Blog delle Stelle» («Blog der Sterne»).

Grillo sieht alte Ideale und Prinzipien verraten

Grillos Abschied von seinen «Grillini», seine «Befreiung», ­erfolgt mitten im Wahlkampf für die Parlamentswahlen vom 4. März. Vor den Wahlen 2013 war der bärtige Komiker aus Genua anlässlich seiner «Tsunami-Tour» noch in allen grösseren Städten Italiens aufgetreten und hatte seine Protestbewegung im Alleingang zur zweitgrössten Partei hinter dem sozialdemokratischen PD gemacht. Allein zur ­Abschlusskundgebung in Rom waren 700000 Anhänger und Sympathisanten erschienen; 163 völlig unbekannte Kandidaten sassen danach dank Grillos Polemiken gegen die «vollgefressene, abgewirtschaftete Politikerkaste» im Parlament. Ob der Gründer des M5S in diesem Jahr noch an einer Wahlkampfkundgebung der Protestbewegung teilnehmen wird, ist ungewiss.

Das «Addio» Grillos mitten im Wahlkampf ist zwar ein politischer Paukenschlag – aber ganz unerwartet kommt dieser nicht. Dass er sich nicht dauerhaft als Anführer des M5S sieht, hatte der 69-Jährige schon im Februar 2016 angetönt, als er sagte, er wolle «als Politiker einen Schritt zur Seite» machen und wieder vermehrt als Komiker auftreten – was er dann auch tat.

Zu seiner inneren Abkehr von der Protestbewegung beigetragen hatte auch der Tod seines Kompagnons Roberto Casaleggio, des Inhabers der Internet-Firma «Casaleggio & Associati» und Web-Guru der Bewegung, im April 2016. Die Plattformen der «Casaleggio & Associati» waren nicht nur für Grillos Blog zuständig, sondern auch für die Internet-Abstimmungen der M5S-Aktivisten. Für seine neue Internetseite hat Grillo nun eine andere Unternehmung gewählt. Grillo musste auch feststellen, dass seine Protestbewegung in den letzten Wochen viele der alten Ideale und Prinzipien über Bord geworfen hat.

So hat der Spitzenkandidat des M5S, der 31-jährige Süditaliener Luigi Di Maio, unlängst betont, dass ein Referendum über den Euro-Austritt «nicht mehr erforderlich» sei. Zuvor war das Euro-Referendum das zentrale Anliegen und Wahlversprechen der «Grillini» gewesen. Abgeschafft wurde auch das Verbot, mit der politischen Konkurrenz – den «korrupten Systemparteien» – Koalitionen einzugehen. Mit anderen Worten: Die revolutionäre Phase des M5S ist vorbei, die Protestbewegung ist in der Realität angekommen. Nach den nächsten Wahlen will man als möglicherweise stärkste Einzelpartei mitregieren, und da sind Kompromisse unumgänglich.

Kühle Reaktion der Parteiführung

Die Führung des M5S hat auf den Abschied des Gründers gefasst, um nicht zu sagen kühl reagiert. «Die Bewegung steht inzwischen auf ihren eigenen Beinen», erklärte Di Maio. Die politische Linie des M5S gäben ohnehin die Bürger per Internet-Abstimmung vor sowie der politische Chef, also Di Maio selber. Beppe Grillo bleibe «der Garant» der Bewegung, betonte Di Maio, sein Abschied sei «kein Vatermord». Davide Casaleggio, der nach dem Tod seines Vaters Roberto für die Internetplattform der Protestbewegung zuständig war, wünschte Grillo «viel Glück» mit seinem neuen Blog. «Mein Vater und Beppe haben Geschichte geschrieben – wir werden auch ohne sie mit dem gleichen Enthusiasmus weitermachen.»

Wie stark sich der Rückzug der Galionsfigur Grillo auf den Wahlausgang auswirken wird, bleibt abzuwarten. Seine bisherigen «Teilrückzüge» hatten der Bewegung nicht geschadet – im Gegenteil: Die Protestpartei hat den PD in den Umfragen schon vor Monaten überholt und liegt mit 27 Prozent vor allen anderen Parteien in Führung. Ihren Zenit scheint die Bewegung allerdings überschritten zu haben: Vor rund einem halben Jahr war die Zustimmung zur Protestbewegung noch bei über 30 Prozent gelegen.

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