Riskante Strategie in «Paschtunistan»

Die USA dehnen den Krieg gegen die Taliban und die Al Qaida von Afghanistan nach Pakistan aus. Damit greifen sie die Paschtunen an, deren Siedlungsgebiet beidseits der Grenzen liegt. Ihre Loyalität gilt vor allem der eigenen Volksgruppe und nicht dem pakistanischen oder dem afghanischen Staat.

Willi Germund Bangkok
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«US-Präsident Bush schwört auf die Bibel, Taliban-Chef Mullah Omar schwört auf den Koran. Deshalb glauben wir ihm.» Schon Oktober 2001, als sich in Afghanistan der Krieg gegen die damals in Kabul herrschenden Taliban abzeichnete, hatten die Bauern im pakistanischen Weiler Belmazkod, 15 Kilometer von der Grenze entfernt, beschlossen, auf wessen Seite sie standen.

Fremde gelten als US-Söldner

Schon damals mussten westliche Berichterstatter im traditionellen Paschtunen-Gewand Shalwar Kameez reisen, wollten sie die Dörfer des etwa 150 Kilometer breiten Streifens der «Stammesregion» entlang der Durand-Linie, die Afghanistan und Pakistan trennt, besuchen. Heute schützt auch das Tragen des Shalwar Kameez den fremden Reisenden nicht mehr. Von Quetta, der Hauptstadt der pakistanischen Provinz Belutschistan, bis nach Chitral südlich der afghanischen Provinz Badakshan haben heute die «neuen Taliban» das Sagen: junge, in Koranschulen ausgebildete, fanatische «Heilige Krieger», für die jeder westliche Ausländer ein Ungläubiger im Dienst der USA ist.

Washington bestätigt Vorurteile

Die pakistanischen Behörden haben sich seit Jahrzehnten mit den besonderen Verhältnissen in dem Gebiet arrangiert. Sie reagierten deshalb erschrocken, als die USA plötzlich am helllichten Tage vermutete Stellungen der Taliban und der Al Qaida attackierten und dies auch noch offiziell bestätigten. «Wir können keinen Aufstand der Stämme entlang der Grenze gebrauchen», warnte Generalmajor Athar Abbas, der Sprecher der pakistanischen Streitkräfte.

Pakistans neugewählter Präsident Asif Ali Zardari wand sich diplomatisch um eine deutliche Stellungnahme zu den US-Aktionen herum. Aber Armeegeneral Ashfaq Pervez Kyani und Premierminister Yousuf Raza Gilani sahen sich gezwungen, auf die wachsende Aufregung in Pakistan zu reagieren. «Wir werden die Souveränität des Landes verteidigen», sagten beide. Pakistans Opposition verlangt sogar den Ausstieg aus dem «Krieg gegen den Terror». Dies dürfte zwar Rhetorik bleiben. Aber die von US-Präsident Bush abgesegnete Strategie schadet bislang mehr als sie nutzt.

Dabei waren US-Spezialkommandos schon zu Zeiten des inzwischen zurückgetretenen Präsidenten General Pervez Musharraf nach Pakistan eingedrungen. Aber damals wurden Journalisten, die darüber berichtet hatten, eingeschüchtert oder umgebracht – wie ein Fotograf der mit der Deutschen Presseagentur verbundenen Bildagentur EPA. Jetzt scheinen die USA, die auf die massive Zunahme von Angriffen der Islamisten im Osten Afghanistans reagieren, alle Vorurteile zu bestätigen, die seit 2001 entlang der Durand-Linie vorherrschen.

«In erster Linie Paschtunen»

«Wir sind in erster Linie Paschtunen», sagt Haji Yarzam Khan, ein Grossgrundbesitzer, dem Land auf beiden Seiten der Grenze gehört, «erst dann Pakistani oder Afghanen.»

Im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan verwalten sich Paschtunen-Stämme seit Jahrzehnten selbst. Islamische Stiftungen haben in den vergangenen 15 Jahren nicht mehr funktionierende, staatliche Institutionen übernommen. Knaben und Mädchen werden in Koranschulen geschickt, lernen das heilige Buch lesen und etwas Mathematik. «Der Besuch öffentlicher Schulen dauert zu lange», sagt Sardar Khan aus der Murmand-Region entlang der Grenze.

Als gäbe es keine Grenze

Die Soldaten der pakistanischen Armee verschanzen sich in diesem Gebiet in Forts, die paschtunischen Höfen nachgeahmt sind: Massive Gebäude, die von etwa fünf Meter hohen Mauern umgeben sind und aus denen oft geheime, kilometerlange Tunnel für eine mögliche Flucht herausführen.

Das Grenzgebiet ist zudem so zerklüftet, dass manche Armeeposten der pakistanischen Streitkräfte per Luftlinie nur zwei bis drei Kilometer voneinander entfernt sein mögen, dank hoher, massiger Berge aber weder Sicht- noch direkten Funkkontakt haben.

Aus mehreren Dörfern in der Umgebung der Stadt Quetta gibt es regelmässige Busverbindungen in die südöstlichen Provinzen Afghanistans, als gäbe es keine Grenze. In der Provinzhauptstadt von Belutschistan, Sitz der sogenannten Quetta-Shura, des Führungsrats um Taliban-Chef Mullah Omar, gibt es zudem Dutzende von Privatspitälern, die den Schutz einflussreicher Polizei- und Armeeoffiziere geniessen und in denen verletzte Taliban-Kämpfer behandelt werden.

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