USA
Revolution im zweiten Anlauf: Bernie will Präsident werden – mit 77 Jahren

Der Sozialist Bernie Sanders bewirbt sich erneut um die Nomination zum Präsidentschaftskandidaten.

Renzo Ruf, Washington
Drucken
Teilen
Bewirbt sich mit 77 erneut um die Nomination der Demokraten: Bernie Sanders. Imago

Bewirbt sich mit 77 erneut um die Nomination der Demokraten: Bernie Sanders. Imago

imago/ZUMA Press

Eigentlich hat Bernie Sanders bereits gewonnen. Dem schrulligen Senator aus dem kleinen Ostküsten-Staat Vermont, der sich als demokratischer Sozialist und Revolutionär bezeichnet, gelang es in den vergangenen vier Jahren, die Demokratische Partei von seinen Positionsbezügen zu überzeugen. So treten nun plötzlich fast sämtliche linken Kandidatinnen und Kandidaten, die sich im Rennen um das Weisse Haus befinden, für eine Quasi-Verstaatlichung des Krankenversicherungswesens an. Auch die Erhöhung des Mindestlohnes auf 15 Dollar pro Stunde ist plötzlich, zumindest unter Demokraten, nicht mehr derart umstritten.

Sanders, der seinen Bundesstaat seit 1991 im nationalen Parlament vertritt, will sich aber noch nicht zur Ruhe setzen. Vielmehr möchte der 77-Jährige erreichen, dass seine Ideen nicht nur debattiert, sondern auch umgesetzt werden. Deshalb gab Sanders in einem Gespräch mit dem Fernsehsender CBS, das am Montag ausgestrahlt wurde, seine erneute Präsidentschaftskandidatur bekannt. «Revolutionen werden nicht über Nacht gewonnen», sagte Sanders. Und: Präsident Donald Trump müsse 2020 abgewählt werden, weil er ein Lügner, Sexist und Rassist sei.

Über Nacht zur Bedrohung

Diese feurige Rhetorik war es, die Sanders im Wahlkampf 2016 zu einem Star machte. Anfangs belächelt, entwickelte sich der langjährige Politiker quasi über Nacht zu einer ernsthaften Bedrohung für Hillary Clinton, die damalige Favoritin im Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur.

16 US-Staaten: Sammelklage gegen Trumps Notstand

Der Widerstand gegen die Pläne von US-Präsident Donald Trump zum Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko hat sich erheblich verstärkt. Am Montag (Ortszeit) klagte eine Koalition von 16 US-Staaten, unter ihnen Kalifornien und New Mexiko, gegen die Notstandserklärung Trumps, mit der dieser Gelder für den Mauerbau aus anderen Quellen als dem Etat schöpfen wollte. Die Klage sei vor einem Bundesgericht in San Francisco eingereicht worden, berichtete unter anderem die «New York Times». Trump habe gegen den Willen des Kongresses und «unter dem Vorwand einer vermeintlichen Krise» Bundesgelder für den Bau der Mauer umgewidmet, zitierte das Blatt aus der Klageschrift. Trump hatte am Freitag einen nationalen Notstand an der Südgrenze der USA ausgerufen, um seine Pläne zum Bau einer Grenzmauer zu Mexiko voranzutreiben. Er begründete dies mit einer «Invasion» von Drogen, Menschenschmugglern und kriminellen Banden. (sda)

Mit dafür verantwortlich waren enthusiastische junge Aktivisten, aber auch Anhänger der weissen Arbeiterschicht, die dem Wirtschaftspopulisten stärker vertrauten als der schwerreichen Clinton. Seine langen Tiraden gegen «Millionäre und Milliardäre» und gegen das «korrupte System», die er jeweils in seinem typischen New Yorker Englisch-Akzent hielt, zogen Millionen von Wählerinnen und Wählern in den Bann.

Spuren des harten Wahlkampfs

Dieser Wahlkampf hinterliess allerdings auch einige offene Wunden. Das Clinton-Lager hat es Sanders nicht verziehen, dass er die Integrität der ehemaligen Aussenministerin anzweifelte und damit Trump einen Steilpass zuspielte. Die Parteiführung der Demokraten wiederum ist immer noch wütend auf den Trittbrettfahrer, weil Sanders auf seiner Unabhängigkeit beharrt – in Washington politisiert Sanders als Mitglied der demokratischen Senatsfraktion, auf seiner offiziellen Internetseite betont er aber, er gehöre keiner Partei an. Und schliesslich unterliefen dem Senator Fehler bei der Organisation seines Wahlkampfstabes: Obwohl sich weibliche Mitarbeiterinnen und Helferinnen über den Sexismus der Führungsriege beklagten, wurden ihre Beschwerden nicht gehört. Dies passte nicht so recht zum Bild eines Kämpfers für die Gleichberechtigung sämtlicher Amerikanerinnen und Amerikaner.

Konkurrenz ist (deutlich) jünger

Sanders sagt, er sei bei guter Gesundheit und sehe deshalb keinen Grund, auf eine erneute Präsidentschaftskandidatur zu verzichten. Dabei kommt ihm zugute, dass einer der Favoriten der Demokraten, Ex-Vizepräsident Joe Biden, mittlerweile ebenfalls 76 Jahre alt ist. Andererseits werden sich nebst den beiden alten Schlachtrössern sicherlich gegen ein Dutzend ernsthafte Kandidatinnen und Kandidaten um die Nomination der Demokraten bemühen. Sanders läuft deshalb Gefahr, von jüngeren Anwärterinnen wie Kamala Harris aus Kalifornien, Tulsi Gabbard aus Hawaii oder Elizabeth Warren aus Massachusetts in den Schatten gestellt zu werden.

Der Berufsrevolutionär gibt sich allerdings ungerührt. Als er von CBS-Moderator John Dickerson gefragt wurde, was er denn im zweiten Anlauf anders und besser machen werde, antwortete Sanders: Dieses Mal «werden wir gewinnen».

Aktuelle Nachrichten