Restaurants, Bars und Schulen: Belgien macht die Schotten dicht

Das öffentliche Leben wird lahmgelegt. Auch die EU-Institutionen laufen auf Sparflamme.

Remo Hess aus Brüssel
Drucken
Teilen
Frau mit Maske: Auch am Flughafen in Brüssel schützt man sich vor dem Virus. Das öffentliche Leben steht in der belgischen Hauptstadt nahezu still.

Frau mit Maske: Auch am Flughafen in Brüssel schützt man sich vor dem Virus. Das öffentliche Leben steht in der belgischen Hauptstadt nahezu still.

Virginia Mayo / AP

Lange hat sich Belgien Zeit gelassen und allfällige Corona-Gegenmassnahmen den Föderalregierungen überlassen. Dies, auch weil das Land seit den Wahlen von vor einem Jahr noch immer ohne nationale Regierung dasteht.

Nun aber erlässt Brüssel drastische Massnahmen: Nach einer dreistündigen Sitzung des nationalen Sicherheitsrats verkündete Übergangspremierministerin Sophie Wilmes die Aktivierung eines Notfallplans an. Damit nimmt sie wesentliche Kompetenzen an sich, die sonst in den Händen der vier Regionen liegen.

Konkret schliesst Belgien ab Freitag-Mitternacht sämtliche Restaurants, Cafés, Diskotheken, Sportvereine und Museen. Die gemeinschaftlichen Freizeit- und Kulturaktivitäten werden eingestellt, ungeachtet ihrer Grösse oder ob öffentlich oder privat. Dazu gehören natürlich auch die Spiele der nationalen Fussballliga. Die Schulen bleiben ab Montag bis mindestens zum Beginn der Osterferien am 3. April geschlossen.

Hotels bleiben offen, die Bars sind zu

Für Kinder, deren Eltern im Gesundheitswesen tätig sind, wird eine Betreuung organisiert. Das gilt auch für jene, die auf ihre Grosseltern angewiesen wären, die man als Risikogruppe besonders vor einer Ansteckung schützen will. Öffentliche Verkehrsmittel laufen weiter, seien aber zu meiden. Ebenfalls offen bleiben die Läden des täglichen Bedarfs, Apotheken und die Hotels (ohne Restaurant oder Hotel-Bar).

«Es handelt sich nicht um einen Lock-Down», betont Premierministerin Wilmes. Das Wort erinnert in Belgien an die dreitägige Komplettlahmlegung Brüssels nach den Attentaten in Paris 2015. Das öffentliche Leben im 11,4 Millionen Einwohner zählenden Land wird mit dem Massnahmenpaket aber trotzdem mehr oder weniger komplett abgewürgt. Am Freitag kam es zu Hamsterkäufen und Langen Schlangen in etlichen Supermärkten in Brüssel.

Infektionsrate legt stark zu

Stand Freitag waren 556 Corona-Fälle in Belgien bekannt, drei Menschen starben bislang am Virus. Während vor einer Woche noch gut 100 Personen festgestellt wurden, legte die Infektionsrate wie in anderen Ländern in den letzten Tagen stark zu. Alleine am Donnerstag wurden 153 neue Fälle bekannt.

Unklar ist, wie stark das Virus das Funktionieren der Europäischen Institutionen in Brüssel einschränkt. Die EU-Kommission hat ihre 30000 Beamten angewiesen, ab Montag im Home-Office zu arbeiten. Bloss jene, welche für Kernfunktionen unabdingbar sind, müssen persönlich in der EU-Hauptzentrale erscheinen. Bereits letzte Woche hat das EU-Parlament seine Plenartagung in Strassburg abgesagt und stattdessen eine 1-tägige Mini-Sitzung in Brüssel durchgeführt. Nach einer Reise nach Italien hat sich Parlamentspräsident David Sassoli vorsorglich zwei Wochen in Selbst-Quarantäne bei sich zu Hause begeben.

Der EU-Ministerrat, wo sich die Vertreter der Mitgliedstaaten treffen, führt bloss noch die allerwichtigsten Treffen durch. Dazu gehört auch das Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs von kommender Woche. Dass dieses wirklich stattfinden kann, scheint aber fraglich: Bei einem EU-Gipfel kommen mehrere Tausend Leute zusammen. Allein die Journalisten machen zwischen 600 bis 800 Personen aus.

Mehr zum Thema
Video

So bekämpfen unsere Nachbarn das Corona-Virus

Während Italien ganze Städte abgeriegelt hat, gibt man sich in Österreich betont entspannt. Berlin und Paris bereiten sich derweil auf Schlimmeres vor.
Stefan Brändle, Christoph Reichmuth, Samuel Schumacher, Dominik Straub