Respekt vor dem Tabubruch

Unter Ostschweizer Kirchenleuten ist man sich einig: Der Rücktritt Papst Benedikts XVI. verdient höchsten Respekt. Und er leite vielleicht einen neuen Prozess ein, wie eine Seelsorgerin, ein Pastoralsoziologe und ein Kapuziner hoffen.

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Deutschland freut sich: «Wir sind Papst» titelt die Bild-Zeitung 2005. (Bild: ap/Fritz Reiss)

Deutschland freut sich: «Wir sind Papst» titelt die Bild-Zeitung 2005. (Bild: ap/Fritz Reiss)

Staunen, zweimal lesen, noch immer nicht recht glauben. Er habe zunächst an eine «Zeitungsente zum Rosenmontag» gedacht, sagt Arnd Bünker vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut in St. Gallen. Das Bistum St. Gallen brauchte stirnrunzelnd eine Stunde, bis es mittags auf Facebook knapp schrieb: «Eine Meldung, die uns alle überrascht hat. Mehr später!» Am späteren Nachmittag verwies man dann auf Interviews mit dem früheren Bischof Ivo Fürer.

Keine Stellungnahmen der Bischöfe

Denn der aktuelle St. Galler Bischof Markus Büchel stand den Medien nicht zur Verfügung – ebenso wenig wie Bischof Felix Gmür vom Bistum Basel, zu dem der Kanton Thurgau gehört. Sie befinden sich beide auf einer Tagung im Ausland. Büchel liess sich via Sekretariat zitieren, dass er den Schritt von Papst Benedikt XVI. «überraschend, aber verantwortungsvoll» finde. Ähnlich äusserte sich das Bistum Basel, das von «einer souveränen Tat» und einem «Akt der Demut» sprach, was «höchsten Respekt» verdiene.

Wie Bischof Büchel das achtjährige Pontifikat beurteilt, interessiert über das Bistum St. Gallen hinaus: Immerhin scheute sich der offenherzige Rheintaler nicht, 2009 in einem offenen Brief an den Papst und den Vatikan die Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der Pius-Bruderschaft zu kritisieren.

«Gut, dass ein Tabu gebrochen wird»

Dass sich ein Papst aufgrund schwindender Kräfte zurückzieht, findet bei Ostschweizer Kirchenvertretern durchwegs respektvolle Zustimmung. «Es ist gut, dass damit ein Tabu gebrochen wird», sagt Vreni Ammann, die Präsidentin des St. Galler Rats der Laienseelsorgerinnen und -seelsorger. Sie interpretiert den Rücktritt als Eingeständnis, «den komplexen Fragestellungen im hohen Alter nicht mehr gerecht werden zu können».

Bei aller «grossen Anerkennung seines Intellekts, seiner Spiritualität» wunderte sich Vreni Ammann stets darüber, dass Benedikt «zurückhaltend, ja ängstlich» war, wenn es um konkrete Schritte ging – etwa für die Weihe von Frauen. Nun hofft sie, dass es mit einem neuen Papst zu einem «neuen Konzil oder wenigstens Prozess» komme. «Persönlich nehme ich es als Zeichen, dass doch alles anders kommen kann und der Heilige Geist mitwirkt.» Pastoralsoziologe Arnd Bünker wertet den Schritt Benedikts als «gutes Zeichen für eine Kirche, die sich langsam modernisiert und das Papstamt im besten Sinn auf menschliche Grösse zurückführt. Das hat etwas Gnädiges».

Indem Joseph Ratzinger als erster Papst in der Geschichte weiter Bücher schrieb und «offensiv» sein Privatleben zeigte, habe er den «Paradigmenwechsel weg von der Totalisierung des Amtes» eingeleitet. «Reine Tradition reicht nicht mehr aus», sagt Bünker. Jetzt gelte es erst recht, «das Papsttum für unsere Zeit neu zu erfinden». Wie so viele hat sich der Deutsche über die Wiederannäherung des Vatikans an einen Holocaustleugner geärgert: «Das hätte einem Papst aus Deutschland nicht passieren dürfen.»

Brennende Fragen abgeblockt

Ein «falsches Signal», sagt auch Josef Haselbach, Guardian des Kapuzinerklosters Wil, «auch wenn ich sein Bemühen um Versöhnung schätzte». Haselbach bringt die zwiespältige Sympathie auf den Punkt: Einerseits habe man gespürt, dass «er sein Amt aus einer spirituellen Tiefe gestalten wollte. Ein Ausdruck davon sind seine Bücher über den Glauben und Jesus Christus.» Andererseits kann der Kapuziner «nicht verstehen, dass Papst Benedikt meinte, brennende Fragen als undiskutierbar abblocken zu können, obwohl sie geschichtlich wie theologisch fragwürdig sind».

Ein Entscheid «aus Liebe zur Kirche»

Vertreter der St. Galler Pfarrei-Initiative waren gestern nicht zu erreichen – und auf der anderen Seite des kirchlichen Spektrums wollte sich, etwa von der Petrus-Bruderschaft in St. Pelagiberg, niemand zum Papstrücktritt äussern. Schwester Pia-Marit Rüttimann, Provinzoberin der Schönstätter Marienschwestern im Kloster Quarten, stellt sich vor, dass «Benedikt XVI. über lange Zeit gebetet hat und im Gespräch mit Gott zu diesem Entschluss gekommen ist». Er habe den Entscheid «aus Liebe und Verantwortung zur Kirche» getroffen.

Nah am Puls des Vatikans ist heute Thierry Bonaventura, Pressesprecher des Rats der Europäischen Bischofskonferenzen mit Sitz in St. Gallen. Wir erreichten ihn auf dem Weg nach Rom. Er fliege nicht wegen des Rücktritts, lachte er, «aber der wird überall das grosse Thema sein, allein schon wegen der vielen Journalisten». Marcel Elsener/ Rene Rödiger

Bei einem Besuch in San Marino geniesst der Papst das Bad in der Menge. (Bild: ap/Marco Vasini)

Bei einem Besuch in San Marino geniesst der Papst das Bad in der Menge. (Bild: ap/Marco Vasini)

Papst Benedikt XVI. bei der Feier einer Messe im Vatikan. (Bild: epa/Ettore Ferrari)

Papst Benedikt XVI. bei der Feier einer Messe im Vatikan. (Bild: epa/Ettore Ferrari)

«Meine Kräfte reichen nicht mehr»: Der Pontifex kündet den Rücktritt an. (Bild: epa/Osservatore Romano)

«Meine Kräfte reichen nicht mehr»: Der Pontifex kündet den Rücktritt an. (Bild: epa/Osservatore Romano)

Ivo Fürer ehemaliger Bischof des Bistums St. Gallen (Bild: Quelle)

Ivo Fürer ehemaliger Bischof des Bistums St. Gallen (Bild: Quelle)