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REPORTAGE: Der jüngste Staat Europas: Ostschweizer dienen im Kosovo

Der Kosovo feiert zehn Jahre Unabhängigkeit. Doch nach wie vor ist die KFOR im Land – und mit ihr die Schweizer Armee. Zu Besuch bei drei Ostschweizern, die einen fragilen Frieden bewahren wollen.
Katharina Brenner, Pristina/Prizren

Mit seiner Holztäferung hebt sich das Swiss House vom Aluminiumweiss der Container rings herum ab. Nicht nur Schweizer Armeeangehörige, auch Deutsche und Österreicher verbringen ihre Abende gern in dem Restaurant. Neben den Fitnessräumen sind die wenigen Läden und Restaurants die einzige Abwechslung im Camp Film City in Pristina.

Das Lager der internationalen friedensfördernden Kosovo Force (KFOR) trägt diesen Namen wegen der Studios, die hier einmal standen. Jeder Film schafft eine eigene Welt. Auch das Lager ist eine für sich. Nur an den Fahnen ist zu erkennen, zu welcher Nation die Container gehören. Selbst erfahrene Fahrer verfahren sich in diesem Labyrinth. «Das war eine zu früh», sagt Cornel Zellweger. Er hätte eine Strasse später abbiegen müssen, bei den Österreichern vorbei. «Tutsch heimisch», fühle er sich dabei jedes Mal.

Bild: Steve Heller

Bild: Steve Heller

Cornel Zellweger ist einer der Älteren im aktuellen Kontingent. Der 48-Jährige kommt aus Diepoldsau. Als junger Mann hatte er die Rekrutenschule besucht. Zellweger ist gelernter Lastwagenmechaniker und hat 30 Jahre im Transportbereich gearbeitet, zuletzt in der Lehrlingsausbildung. Weil er nach dieser langen Zeit eine Veränderung wollte, hat er sich bei der Swisscoy beworben. Dort arbeitet er als Fahrer. Seine Hauptaufgaben während seines Einsatzes im Kosovo sind der Abbau des Feldlagers in Prizren im Süden des Landes und der Aufbau des neuen Schweizer Lagerteils in Novo Selo im Norden. Zellweger ist dabei vor allem als Kranführer im Einsatz. Die Zeit im Kosovo bezeichnet er als Lebensschule. «Ich musste lernen, mich zurückzunehmen.» Zellweger hat seinen Aufenthalt um ein weiteres halbes Jahr, bis Oktober 2018, verlängert.

Das Durchschnittsalter liegt bei 31. Wer für ein halbes Jahr für einen Militäreinsatz ins Ausland geht, lässt in der Regel keine Familie zurück. Zellweger hat einen 15-jährigen Sohn. «Wäre er nicht einverstanden gewesen, wäre ich nicht gegangen.» Seine Mutter habe geweint, als sie von seinem Plan hörte. Sie ist gebürtige Slowenin, hat dem Sohn ihre Sprache beigebracht. Davon profitiert er nun. Ihn habe aber auch das Jugoslawien-Bild der Mutter geprägt. «In Kosovo konnte ich meine Vorurteile abbauen.»

Der rauchende Schlot des nahen Kohlekraftwerks legt die Luft schwer über Land und Lager. Gleich hinter dem Zaun, der das Camp umgibt, stehen Wohnhäuser. Mit Einheimischen kommen die Armeeangehörigen, die im Camp Film City beispielsweise in der Küche oder in der Informatik arbeiten, allerdings kaum in Kontakt, am ehesten bei der Bestellung von Pizza oder Rösti in einem der Camp-Restaurants. Anders die Mitglieder der Liaison and Monitoring Teams (LMT). Sie sind in Kosovo, um mit der Bevölkerung zu sprechen.

2004 kam es zu Ausschreitungen zwischen der albanischen und serbischen Bevölkerung mit über 19 Toten. Die KFOR war damals seit fünf Jahren im Land, hatte die Spannungen aber nicht kommen sehen. Damit so etwas nicht noch einmal passiert, führte sie mit den LMT ein Frühwarnsystem ein. Sie gelten als die Augen und Ohren der KFOR. Einer ihrer Standorte liegt in Prizren, im Süden des Landes.


Die Fahrt von Pristina dauert eine gute Stunde. Die Wegweiser sind auf Albanisch und Serbisch angeschrieben: Suharekë und Suva Reka. Wie eine Aorta zieht sich die Autobahn durch dieses verkehrsverliebte Land. Auf den Strassen sind alte Klapperkisten und teure Limousinen unterwegs. Das Heck eines Fiat ist so verdreckt, dass das Kennzeichen kaum zu erkennen ist. Jemand hat die Nummer vorsorglich mit dem Finger in die Schmutzschicht auf der Scheibe geschrieben. Jedes Mal, wenn Zellweger zum Überholen ansetzt, gibt der Fahrer vor ihm Gas. Keiner scheint gern von einem weissen Sprinter mit schwarzem KFOR-Schriftzug überholt zu werden. Im Radio singen The White Stripes «a seven nation army couldn’t hold me back».

Am Strassenrand liegen Plastik, Reifen und Metall. Die Landschaft ist hügelig. Nur die Berge in der Ferne sind mit Schnee bedeckt. Der Sprinter passiert ein «Swiss Café» und «Swiss Hotel» – «Swiss» gilt hier als das Gütesiegel schlechthin. Kaum eines der Häuser in den Dörfern ist verputzt. Es wurde viel gebaut in den vergangenen Jahren, auch Moscheen. 95 Prozent der Bevölkerung sind Muslime. Der türkische Staat hat wachsenden Einfluss auf sie. Häufig steht auf den Schildern vor Moscheen «Tika» – die Entwicklungshilfeorganisation des türkischen Staats. Sie finanziert auch Schulen und Spitäler.

Schweizer gehen bei der Bevölkerung zum Ortstermin

Zellweger parkt den Sprinter vor dem Haus des Schweizer LMT in Prizren. Das Gebäude steht unweit der Hochzeitsstrasse. Dort reiht sich ein Brautladen mit ausladenden, paillettenbesetzten Kleidern im Schaufenster an den anderen. Im Sommer kommen Kosovo-Albaner aus der Schweizer Diaspora zum Heiraten hierher. Das Gebäude der LMT-Angehörigen ist ein gewöhnliches mehrstöckiges Wohnhaus – regelmässig fallen Strom und Wasser aus.

Nadine Rhyner wohnt hier. In Kosovo führt sie täglich Gespräche mit Einheimischen. Ein weiteres Teammitglied und ein Übersetzer aus der Region sind jeweils mit dabei. Sie fahren gemeinsam in die Dörfer um Prizren, wo sie Schuldirektoren, Ärzte oder Dorfsprecher treffen. Bis zu anderthalb Stunden dauern die Gespräche. Die Einheimischen erzählen, was sie beschäftigt. «Abfallentsorgung, Wasseranschlüsse und Bildung – diese Themen tauchen immer wieder auf», sagt Rhyner. Die Schulen seien in einem sehr schlechten Zustand. Sie treffe häufig engagierte Lehrer, die aber in den überfüllten und kalten Schulzimmern mit begrenzten Materialien nur wenig ausrichten könnten.

Nadine Rhyner ist 30 Jahre alt und kommt aus der Stadt St. Gallen. Dort hat sie vor ihrem Einsatz als Kommunikationsplanerin in einer Werbeagentur gearbeitet. Nach ihrer Rückkehr im April möchte sie wieder in einem ähnlichen Bereich arbeiten. Die dreimonatige Vorbereitung für den Einsatz in Stans mit realitätsnahen Szenarien und verschiedenen Ausbildungen wie Schiessen, Sanität, Minenkunde und Funken beschreibt sie als sehr lehrreich. Frauen können nach diesen drei Monaten zur Swisscoy, Männer müssen vorher bereits ihren Militärdienst absolviert haben. Der Frauenanteil bei der Swisscoy ist mit 15 Prozent vergleichsweise hoch innerhalb der KFOR-Truppen.

Dass sie als LMT-Mitglied nur protokollieren und nicht direkt helfen kann, sei teilweise frustrierend. Wenn es akut an Medikamenten oder Materialien fehlt, vermittle die KFOR an Hilfsorganisationen im Land. Nach den Gesprächen schreibt Rhyner jeweils einen Rapport. Die gesammelten Informationen werden weitergeleitet und im Hauptquartier in Pristina analysiert und verarbeitet, um die allgemeine Lage in Kosovo zu beurteilen.

Thierry Widmer ist Teamleader des LMT in Prizren. Er ist wie Rhyner der Meinung, dass es noch länger dauern wird, bis Ruhe und Ordnung einkehren im Land: «Die Erinnerungen an den Krieg sind noch immer in den Köpfen der Bevölkerung, die den Konflikt miterlebt hat. Das geben die Eltern an ihre Kinder weiter. Der Krieg wird frühestens für deren Kinder weniger präsent sein.» Widmer und Rhyner sind angenehme Gesprächspartner, wecken Vertrauen.

Bild: Steve Heller

Bild: Steve Heller

Thierry Widmer ist 26 und kommt aus Henau. Er ist gelernter Hochbauzeichner und hat zuletzt als Bauleiter gearbeitet. Er hat in der Schweiz bereits die Offiziersschule absolviert. Bei der Swisscoy ist er Teamleader des Schweizer Liaison and Monitoring Teams (LMT) in Prizren im Süden des Landes. Anhand seiner Gespräche und Eindrücke glaubt Widmer, dass es noch länger dauern wird, bis politische und wirtschaftliche Stabilität einkehren im Kosovo. «Mein Einsatz im Kosovo hat einige Probleme, über die wir in der Schweiz diskutieren, relativiert», sagt er. Nach seiner Rückkehr im April wird Widmer Aviatik studieren.

Dass die Swisscoy in der Bevölkerung geschätzt werden, zeigt ein gemeinsamer Spaziergang ins Zentrum von Prizren. Alle paar Meter halten Einheimische an, meist ältere Männer, die den Uniformierten die Hände schütteln, sich bedanken. Ausserhalb des Camps sind die Armeeangehörigen zum Selbstschutz bewaffnet. «Zum Einsatz gekommen sind die Waffen noch nie», sagt Oberst Hansjörg Fischer. Er ist der Nationale Schweizer Befehlshaber, der zugleich das Kommando über die LMT-Kräfte im Norden Kosovos hat.

Nato-Truppen ziehen sich zurück

Wie lange die Nato-Truppen noch hier sein werden, ist ungewiss. Sie ziehen sich nach und nach zurück. 1999 waren über 50'000 Personen im ganzen Land stationiert, heute sind es 4000 aus 28 Nationen. Das Schweizer Mandat umfasst maximal 235 – noch. Das Parlament hat vergangenes Jahr einer Verlängerung bis Ende 2020 zugestimmt, schrittweise wird aber reduziert. Ab April 2018 wird die Swisscoy maximal 190 Armeeangehörige umfassen, ab Oktober 2019 maximal 165.

Oberst Fischer sagt, eine Schmerzgrenze beim Kontingent gebe es nicht. Von raschen Lösungen in Kosovo geht er aber nicht aus. Die Spannungen zwischen den Ethnien seien nach wie vor gross, ebenso die wirtschaftliche Misere und die Korruption. Die Präsenz der KFOR sorge für Stabilität.
Gegner des Einsatzes hatten in der Parlamentsdebatte vergangenen Sommer mit den Kosten argumentiert. Der Einsatz soll nun jährlich statt 44,2 Millionen Franken zwischen 37,5 und 33,2 Millionen kosten. Der damalige SVP-Fraktionspräsident Adrian Amstutz sagte, der Kosovo sei seit über 20 Jahren ein «zartes Pflänzchen». Wenn die internationale Gemeinschaft das Land nicht langsam selbstständig werden lasse, werde es nie «ein starker Baum». Befürworter des Einsatzes aus CVP und SP verwiesen auf den Migrationsdruck sowie die Spannungen zwischen der kosovarisch-albanischen Mehrheit und der serbischen Minderheit.

Prizren vermittelt den Eindruck eines friedlichen Nebeneinanders. Um 12 Uhr rufen die Muezzins die Gläubigen zum Gebet. Einer beginnt, alle zehn Sekunden steigt ein weiterer in die Rufe ein, bis die ganze Stadt davon erfüllt ist. Während sich die einen mit einer Matte unterm Arm auf den Weg zur Moschee machen, gehen andere zur Mittagspause in ein Restaurant. «Celebrating our differences», «unsere Unterschiede feiern», steht in Leuchtbuchstaben an einer der Brücken über dem Fluss.

Die Hauptstadt Pristina trotzt der wirtschaftlichen Misere

Auch in Pristina ruft der Muezzin zum Gebet. In der Fehmi Agani, einer Strasse mit Cafés, Beizen, Shisha-Bars und Restaurants ist davon allerdings nichts zu hören. Häufig gibt es separate Räucherräume, es sind immer die grösseren, belebteren.

In Pristina ist vieles im Entstehen, hier schaffen sich die Jungen die Räume, die sie brauchen. Und sie sind viele: Kosovo hat die jüngste Bevölkerung Europas. Die Arbeitslosigkeit ist ebenfalls hoch: Sie wird auf 40 Prozent, bei Jugendlichen auf bis zu 70 Prozent geschätzt. Das durchschnittliche Monatsgehalt liegt bei 300 Euro. Die wesentliche Antriebskraft der Wirtschaft ist das Geld, das Kosovaren im Ausland an ihre Familien überweisen. Diese Diaspora lebt vor allem in Deutschland und der Schweiz.

Pristina trotzt diesen Zahlen. In einer Seitenstrasse des Skanderbeg-Platzes verkaufen zwei junge Frauen in einer Galerie mit integriertem Café Collagen lokaler Künstlerinnen. Auf dem Platz fahren Kinder in kleinen Plastikautos. Ihre Eltern haben sie im Blick, stehen daneben, unterhalten sich, lachen. Jugendliche schlendern vorbei.

Aber die Stadt hat auch andere Seiten: Bausünden wie die Wohnblöcke aus den 1970er-Jahren. Historische Gebäude verfallen, Stromleitungen hängen durch, in manchen Gegenden ist die Kanalisation defekt, es stinkt. Risse im Asphalt, Abfall in den Pärken und auf den verstopften Strassen.

Nuhi T. steht mit seinem Taxi unweit der Statue von Ibrahim Rugova, dem ersten Präsidenten von Kosovo. Während der Fahrt erzählt der Taxifahrer auf Englisch von seinen drei erwachsenen Kindern. Der eine Sohn habe einen Beruf, der andere manchmal. Die Tochter studiere in Ankara, sagt der Vater mit Stolz. Er wohnt gegenüber des Camp Film City. Dass die KFOR im Land ist, findet er gut. «Es gibt uns Sicherheit.»

Die St.Galler Thierry Widmer, Nadine Rhyner und Cornel Zellweger dienen in Kosovo (Bild: Katharina Brenner)

Die St.Galler Thierry Widmer, Nadine Rhyner und Cornel Zellweger dienen in Kosovo (Bild: Katharina Brenner)

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