Rentable Verhaftungen

In Pakistan rätseln die Menschen, warum Islamabad plötzlich erfolgreich gegen Kommandanten der afghanischen Taliban vorgeht, die sich lange fast ungestört im Lande bewegen konnten?

Willi Germund
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Pakistanische Fahnder präsentieren ihre Erfolge: Verhafteter Taliban-Kommandant Baradar. (Bild: ap/Shakil Adil)

Pakistanische Fahnder präsentieren ihre Erfolge: Verhafteter Taliban-Kommandant Baradar. (Bild: ap/Shakil Adil)

Islamabad. «Finden sie Mullah Abdul Kabir, den Ex-Gouverneur der Talibanmilizen in der Provinz Nangahar.» In Washington regierte noch George W. Bush und in Islamabad hatte General Pervez Musharraf das Sagen, als ein UNO-Mitarbeiter in Kabul diesen Auftrag erhalten hatte: Ein paar Wochen später hatte der Mann seinen Job erledigt. Mullah Kabir, aktives Mitglied des 15köpfigen Führungsgremiums Quetta Shura der afghanischen Taliban, wohnte in einem hübschen Haus nahe dem pakistanischen Ort Nowshera und kutschierte seelenruhig in einem noblen Allradfahrzeug mit Diplomatennummer umher.

Vor etwa zwei Wochen «fand» plötzlich auch der pakistanische Geheimdienst ISI Kabir und verhaftete ihn.

Wir «bestrafen» Verräter

Seither rätseln Pakistaner, Diplomaten und Beobachter gleichermassen, warum Islamabads Behörden plötzlich gegen Chefs der Talibanmilizen vorgehen. Eine plausible Antwort liefert ein pakistanischer Geheimdienstmann in der Grenzstadt Peshawar.

«Für uns hat die Festnahme zwei Vorteile: Wir bestrafen Leute, die Pakistan verraten wollen, und können uns gleichzeitig das Vertrauen der USA sichern. Wir haben sie hochgepäppelt und gefüttert und nun wollen einige von denen mit Hamid Karzai am Präsidententisch in Kabul tafeln», sagt der Mann, dessen Namen man nicht preisgeben darf.

Der Geheimdienstler spielt neben Kabir auf Mullah Abdul Ghani Baradar, den Militärchef und die Nummer Zwei der Talibanmilizen, an. Er war bis zu seiner Festnahme in der pakistanischen Hafenmetropole Karachi der wichtigste Kontaktmann und Gesprächspartner der afghanischen Regierung bei den islamistischen Milizen.

Finanziell lohnte sich die Verhaftungswelle.

Nachdem Baradar und Kabir hinter Gitter landeten, gingen auf einem Konto der pakistanischen Nationalbank 349 Millionen US-Dollar aus Washington ein – für «Kosten im Krieg gegen den Terror», die zuvor blockiert worden waren.

Paschtunische Karte erhalten

Polizeibeamte in der Hafenstadt Karachi bestätigen den Zusammenhang von Dollars und Verhaftungen im wirtschaftlich gebeutelten Pakistan: «Das FBI und vielleicht auch die CIA haben in vielen Orten Büros

eingerichtet und wir erhielten von Islamabad Anweisung, mit ihnen zu kooperieren, weil sonst das versprochene Geld nicht kommen würde.»

Im Fall der Festnahme von Mullah Abdul Salam, «Taliban-Schattengouverneur» von Kunduz, und seinem Kollegen Mir Mohammed aus dem benachbarten Baghlan ergibt sich ein zusätzlicher Vorteil. Beide waren in Akora Kattak an der Strasse zwischen Islamabad und Peshawar aufgegriffen worden.

Einerseits war es ein wirksamerer Schlag gegen die Taliban-Infrastruktur in den Provinzen, als das bisherige Wirken des deutschen Regionalkommandos dort. Andererseits dürfte Rebellenführer Gulbuddin Hekmatyar, der aus der Gegend stammt und gute Kontakte zu Kabul unterhält, das entstehende Vakuum nutzen. Islamabad kommt diese Entwicklung gelegen, weil sie ein starkes paschtunisches Gegengewicht zur «Nordallianz» bestehen lässt, die Islamabad und Präsident Karzai als «indienfreundlich» betrachtet.

Pakistanische Geheimdienstkreise bestreiten aber Zeitungsberichte und UNO-Angaben in Kabul, wonach sich inzwischen etwa die Hälfte der 15köpfigen Quetta Shura in Afghanistan hinter Gitter befinden soll.

Faustpfänder Islamabads

Eine Klage, Khalid Khawajas bei einem Gericht in Lahore, stützt dieses Dementi. Der frühere Agent des Geheimdienstes ISI betätigt sich heute als Fürsprecher der afghanischen Taliban.

Die Richter folgten seinem Antrag, die vereinbarte Auslieferung der Taliban-Vertreter Mullah Baradar und Mullah Kabir an Kabul zu stoppen. Auch die Verhafteten Ameer Mauvia, der ausländische Taliban-Kämpfer befehligte, und Mullah Tayyab Agha, ehemaliger Sprecher von Taliban-Chef Mullah Omar, bleiben demnach vorerst als Faustpfand in Pakistan.

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