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REGIME-GEGNER: «Zwei, drei, vier – Putin weg von hier!»

Gestern haben in ganz Russland wieder Zehntausende gegen den Präsidenten demonstriert. Die Proteste richten sich aber nicht nur gegen Putin, sondern auch gegen Korruption und Armut.

Die Sprechchöre flackerten immer wieder auf. Allein am Puschkin-Platz drängten sich über 1000 Menschen, junge Stimmen skandierten: «Zwei, drei, vier, Putin geh weg von hier!» Mehrere Fangtrupps von fünf bis zwölf Einsatzpolizisten in schwarzen Helmen und Kampfanzügen stürzten sich in die Menge, packten die lautesten Rufer und schleppten sie in Richtung der Polizeibusse. «Schande! Schande!», schrie man ihnen hinterher. Dann stimmte jemand die russische Nationalhymne an.

Gestern gingen in ganz Russland Zehntausende Menschen auf die Strassen, um gegen Wladimir Putins Regime zu protestieren. «Wir wollen die Zustände ändern», sagte der 15-jährige Schüler Michail unserer Zeitung. «20 Millionen Russen leben unterhalb der Armutsgrenze.» Hunderte Menschen, die gestern dagegen protestierten, landeten in Polizeibussen.

Eigentlich hatten die Behörden die von Kreml-Kritiker Alexej Nawalny auf dem Sacharow-Prospekt beantragte Kundgebung gestattet. Aber der Oppositionspolitiker verkündete auf Youtube, unter dem Druck der Stadtverwaltung hätten sich die Firmen reihenweise geweigert, ihm Bühne und Lautsprecher zu vermieten. Deshalb verlege man die Demonstration in die Twerskaja Uliza im Stadtzentrum. Hier hatten die Behörden gestern zum «Tag Russlands» ein historisches Festival organisiert: «Russlands Siege.» Auch Nawalny gab sich patriotisch: «Auch wir veranstalten einen friedlichen Spaziergang unter russischen Flaggen zum Tag Russlands.» Ein Sprecher des Rathauses sagte dagegen, Nawalny selbst hätte technische Hilfsangebote der Behörden abgelehnt. Und kurz vor Beginn der Demonstration erklärte ein hoher Polizeibeamte, man werde niemanden behelligen, der auf der Twerskaja unterwegs sei, ohne Plakate zu tragen oder politische Parolen zu rufen.

Polizei geht konsequent gegen Demonstranten vor

Die Praxis sah anders aus. Nawalny selbst wurde noch in seinem Wohnhaus verhaftet. Und auf der geplanten Kundgebungsroute waren die Trottoirs wegen Kanalarbeiten aufgerissen. Tausende Moskauer quälten sich im Gänsemarsch an Polizeikordons vorbei. Den unteren Teil der Moskauer Prachtstrasse sperrten die Nationalgarde komplett. Zwischen ihren tarngrün uniformierten Kordons stauten sich 3000 bis 4000 Leute. Sie skandierten immer wieder «Russland, Russland» und bejubelten einen jungen Mann, der mit einer Russlandflagge auf einem Balkon über den Edelsupermarkt Jelissejski geklettert war. Aber nach einer Stunde begannen auch dort die Fangtrupps der Polizei ihre Arbeit. Wie viele Menschen in Moskau auf die Strasse gingen, war kaum abschätzbar. Gegen 17 Uhr Ortszeit bezifferte das Bürgerrechtsportal OVD-Info die Zahl der Festgenommen in Moskau auf über 600, in Sankt Petersburg auf etwa 300. Die Polizei hatte es vor allem auf die Demonstranten abgesehen, die Plakate mit sich trugen oder politische Parolen riefen. «Sie fangen jeden ein, der nur den Mund aufmacht», sagte Wladimir, ein Moskauer Student. Der 15-jährige Michail verfolgte mit ein paar Freunden die Jagdszenen von einem Rasenstück aus, dass die Polizei mehrmals stürmte. Aber sie hätten keine Angst, sagte Michail. «Es ist doch unser Recht, friedlich zu demonstrieren.»

Stefan Scholl, Moskau

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