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Während der WM gerät Putin politisch unter Druck

Die geplante Erhöhung des Rentenalters erbost einen Grossteil der Russen. Wegen der niedrigen Lebenserwartung, aber auch weil über ein Drittel der russischen Rentner sowieso arbeitstätig ist.
Stefan Scholl, Moskau
Russen protestieren gegen die geplante Erhöhung des Renteneintrittsalters. (Bild: Wladimir Smirnow/Getty (Ivanovo, 1. Juli 2018))

Russen protestieren gegen die geplante Erhöhung des Renteneintrittsalters. (Bild: Wladimir Smirnow/Getty (Ivanovo, 1. Juli 2018))

In Russland kursiert ein Witz: «Der Sowjetbürger besass ein unerreichbares Ziel: zu leben, bis der Kommunismus kommt. Die heutigen Russen haben auch ein unerreichbares Ziel: zu leben, bis sie Rente bekommen.» In Russland herrscht Unmut. Die Regierung kündigte Mitte Juni an, sie wolle das Rentenalter ab 2019 schrittweise erhöhen, für Männer bis 2028 von 60 auf 65 Jahre, für Frauen bis 2034 von 55 auf 63 Jahre. Das Projekt ist stark umstritten, am Wochenende kam es zu landesweiten Strassenprotesten. Selbst Wladimir Putins Popularitätsrate sackte ab. Nach einer Umfrage der Stiftung für Öffentliche Meinung fiel der Anteil der Russen, die seine Arbeit positiv bewerten, binnen zwei Wochen von 77 Prozent auf 63 Prozent.

Und laut der Romir-Gesellschaft für Markt- und Gesellschaftsstudien sind 92 Prozent der Russen gegen die Erhöhung des Rentenalters. Eines der Hauptargumente ist die niedrige Lebenserwartung in Russland. Laut staatlicher Statistik lag sie 2017 bei 72,2 Jahren; für Frauen bei 77,2, für Männer bei 66,8 Jahren. Das heisst, bei einem Rentenalter von 65 Jahren hätte der männliche russische Durchschnittspensionär gerade noch zwei Jahre Lebensabend vor sich. Eine Perspektive, die Wladimir Putin selbst noch 2015 sehr ungeschönt beschrieb: «Der hat seine Arbeit getan, also in den Holzkarton und ab mit ihm. Das ist unmöglich.» Anfang Juni versicherte er, er betrachte das Thema mit grosser Vorsicht, aber eine Erhöhung diene vor allem «einer wesentlichen Steigerung des Wohlstandes der Rentner».

Sogar Parteien aus der Duma protestieren

Regierungsnahe Experten versuchen, mit neuen Zahlen zu beschwichtigen. So veröffentlichten Soziologen der Moskauer Hochschule für Wirtschaft kürzlich eine Studie, nach der Männer, die einmal das künftige Rentenalter von 65 erreicht haben, danach im Durchschnitt noch 13,4 Jahre leben, Frauen im Alter von 63 sogar noch 19,3 Jahre vor sich hätten.

Aber die Stimmung bleibt sarkastisch. «Tschechow starb mit 44, Puschkin mit 37, Majakowski hat sich mit 36 erschossen», postet ein Facebook-User. «Und was tust du für die staatliche Rentenkasse?» Schon schlagen Spötter vor, die Monatsmindestrente auf eine 1 Million Rubel (über 15 000 Franken) zu erhöhen, das Rentenalter aber auf 100 Jahre. Und am Wochenende kam es zum ersten Mal seit den Anti-Putin-Demos von 2012 zu Strassenprotesten, zu denen nicht nur Systemgegner wie Alexei Nawalny oder die liberale Jabloko-Partei aufriefen, sondern auch in der Duma vertretene Parteien wie Kommunisten und Nationalliberale sowie die Föderation der Unabhängigen Gewerkschaften Russlands – eigentlich kremlloyale Organisationen. «Aber auch wenn Kommunisten und der Gewerkschaftsverband nur pro forma auf die Strasse gegangen sind, können die Proteste gegen die Rentenreform durchaus Wirkung zeigen», sagte der Soziologe Boris Kagarlizki. «Die Regierung hat einen Fehler gemacht, sie hat mit einem Schlag zu viele Menschen beleidigt.»

Durchschnittsrente von 216 Franken im Monat

Premierminister Dmitri Medwedew und viele Experten argumentieren, die Reform sei längst überfällig, die niedrige Geburtenrate zwinge dazu. «Jetzt ernähren zwei Arbeitnehmer einen Rentner», erklärt die Sozialpolitologin Lilia Owtscharowa. «Aber wir brauchen ein Verhältnis von 1:3. Sonst müssen wir einen Teil des Staatshaushalts in die Rentenkasse stecken.» Aus dem gleichen Grund hätten fast alle anderen europäischen Länder das Rentenalter längst angehoben.

Allerdings unterscheidet sich das russische Rentensystem in der Praxis gewaltig von dem in Europa üblichen. So sind von 42 Millionen Pensionären in Russland 15 Millionen weiter arbeitstätig, um ihre offizielle Durchschnittsrente von umgerechnet 216 Franken aufzubessern.

Viele Politologen prophezeien neue Proteste. Zumal auch die Mehrwertsteuer erhöht werden soll. Die Benzinpreise steigen schon seit Monaten stramm. Andere Beobachter schliessen aber nicht aus, dass die Staatsmacht die Stimmung mit Zugeständnissen wie einer weiteren Verschiebung der Reform oder einer leichten Senkung des angestrebten Rentenalters beruhigen könnte. Und noch herrschen in Russland Sommerferien und vor allem die Fussballweltmeisterschaft. Am Sonntagabend gingen nach dem Achtelfinalsieg über Spanien in ganz Russland Hunderttausende jubelnde Fans auf die Strasse. Es waren viel mehr, als vorher an den Demonstrationen teilgenommen hatten.

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