Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Interview

Rechtsextremer Terroranschlag in Halle: «Eskalation hat sich abgezeichnet»

Der Täter von Halle sehe sich vermutlich als Speerspitze in einem Kampf für eine gute Sache, sagt der Extremismus-Forscher Oliver Decker. Deutschland habe die Gefahr von rechts zu lange unterschätzt, kritisiert er.
Christoph Reichmuth, Berlin
Eine Trauerfeier in Halle. (Bild: Keystone)

Eine Trauerfeier in Halle. (Bild: Keystone)

In Halle fand zum ersten Mal seit dem Jahr 1970 ein Anschlag auf eine Synagoge mit Todesopfern statt. Wäre es dem Täter gelungen, in die Synagoge einzudringen, wären die Folgen wohl gravierender gewesen. Sind Sie alarmiert?

Oliver Decker: Absolut. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle zeigt, dass die extreme Rechte in Deutschland handlungsfähig ist. Und dass es neue Erscheinungsformen gibt, wie sie handelt.

Wie meinen Sie das?

Es wird im Zusammenhang von Halle nun viel von einem Einzeltäter gesprochen. Das trifft aber nicht zu. Die extreme Rechte ist gut, wenn auch lose durch das Internet organisiert. Sie agiert in Zellen oder als einzelne Person. So tragisch der Vorfall von Halle ist, diese Eskalation hat sich abgezeichnet. Die organisierte extreme Rechte wurde von der Politik und den Sicherheitsbehörden nicht ausreichend zur Kenntnis genommen. Ich würde sogar behaupten: Sie wurde verleugnet. Viele Jahre haben die Sicherheitsbehörden ihren Fokus auf die Abwehr von islamistisch geprägter Gewalt gelegt. Die Akten im Nachgang des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) wurden viel zu früh geschlossen, es fehlte von Seiten der Behörden der Wille zur Aufarbeitung des rechtsterroristischen Mordserie, des Rechtsterrorismus im Allgemeinen.

Sind antisemitische und fremdenfeindliche Tendenzen in der Gesellschaft gestiegen?

Der Soziologe Oliver Decker (50) ist Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig.

Der Soziologe Oliver Decker (50) ist Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig.

Antisemitische und fremdenfeindliche Ansichten sind nicht angewachsen, aber die Bereitschaft der extremen Rechten ist gestiegen, Gewalt anzuwenden. Die extreme Rechte in Deutschland trifft heute auf eine politische Situation, die dadurch geprägt ist, dass eine Partei im Parlament sitzt, die sich ähnlicher Stereotype – auch antisemitischer – bedient. Die AfD hat zum Gegenstand ihrer Rhetorik und ihrer politischen Ziele gemacht, dass es im Leben um den Kampf gegen etwas geht – gegen politische und gesellschaftliche Eliten zum Beispiel. Dieser Kampf gegen Eliten ist auch das Grundmotiv der extremen Rechten. Der völkische Flügel der AfD etwa spricht von einer gegenwärtigen Schwellenzeit, von einem Momentum des Umsturzes, in dem Neues entstehe, wenn man dafür kämpfe. In so einer politischen Situation können sich radikalisierte Täter wie in Halle zur Gewalt legitimiert sehen.

Der Täter hat seine Tat gefilmt. Warum?

Der Mann ist davon ausgegangen, dass es in der Gesellschaft eine ausreichend grosse Gruppe von Menschen gibt, in deren Sinne er handelt. Er agierte nicht als Einzeltäter im Sinne eines Amoklaufes. Seine Inszenierung der Tat richtete sich an einen Teil der nach Ansicht des Täters gleichdenkenden Öffentlichkeit. Der Mann sieht sich als Speerspitze eines Kampfes gegen einen übermächtigen Gegner von politischen und gesellschaftlichen Eliten, die sich über den Wunsch des Volkes hinwegsetzt. In diesem weltverschwörerischen Eliten-Motiv ist der Antisemitismus schon enthalten. Der Täter sieht in seinem Kampf etwas Heroisches. Er kündigte auch seinen Tod an, handelt also in der narzisstischen Phantasie sich für eine grössere Sache im Sinne des Volkes zu opfern.

In ihrer «Mitte»-Studie für die Universität Leipzig erforschen Sie fremdenfeindliche und antisemitische Tendenzen. Der Antisemitismus sei in der Mitte der Gesellschaft verankert. Wie zeigt sich das?

Es gibt einen recht weit verbreiteten «Schuld-Abwehr»-Antisemitismus. Hier wird der Antisemitismus nicht trotz, sondern gerade wegen des Holocaust begründet. Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex sagte einmal: ´Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen´. Er meinte damit, dass die Judenvernichtung es den Deutschen verunmöglicht, sich ungebrochen mit ihrer Geschichte zu identifizieren – was zur Ablehnung von Juden führt. Es gibt auch hohe Zustimmungswerte zu Sätzen wie ´Juden haben etwas Besonderes an sich uns passen nicht so recht zu uns´, bis zu 30 Prozent stimmen dieser Aussage ganz oder teilweise zu. Ähnliche Zustimmungsraten sehen wir bei der Aussage, dass die ´Juden zu viel Einfluss´ ausüben würden.

Anfang Juni wurde der CDU-Politiker Walter Lübcke mutmasslich von einem Rechtsextremisten erschossen, weil er sich für die Aufnahme von Flüchtlingen eingesetzt hatte. Kann man die Fälle vergleichen?

Absolut, weil die Motive für die Tat miteinander verwandt sind. Antrieb waren in beiden Fällen Eliten-Hass und völkisches Denken. Der Eliten-Hass – damals gegen Walter Lübcke – ist eng verknüpft mit der Theorie einer Weltverschwörung, die wiederum Teil eines antisemitischen Weltbildes ist. Der Mörder von Walter Lübcke sah sich zu seiner Tat vermutlich aus ähnlichen Gründen legitimiert, wie der Täter von Halle: Dass es ein Volk gibt, das bedroht sei durch eine von einer Elite vorangetriebene, planmässige «Überfremdung».

Sie geben der AfD eine Mitschuld an der Eskalation der Gewalt. Die Partei ist aber demokratisch legitimiert und wird nicht vom Verfassungsschutz beobachtet. Machen Sie es sich nicht zu einfach mit dem «AfD-Bashing»?

Ich behaupte nicht, die AfD sei schuld an einer Zunahme von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Aber sie legitimiert solche Sichtweisen durch Ressentiments, die Teile von der Partei schüren, auch durch die Vermittlung eines „Endzeit-Gefühles“. Der völkische Flügel teilt ganz offen den „Schuld-Abwehr“-Antisemitismus. So auch AfD-Co-Chef Alexander Gauland, der stets als gemässigt dargestellt wird. Aber wenn er sagt, Hitler und der Nationalsozialismus seien ´nur ein Vogelschiss´ in 1000 Jahren deutscher Geschichte, spielt er genau mit dem gefährlichen Motiv des Kampfes eines Teiles der Bevölkerung gegen die von Eliten vorgegebene Geschichtsschreibung. Ein Teil der Partei schafft eine politische Wirklichkeit, in der es um Kampf und Erledigung des politischen Gegners geht. Das sind Motive der extremen Rechten. Kommt hinzu: Der Judenhass wird nicht zuletzt auch deshalb aggressiver nach aussen getragen, da die gestiegenen Ressentiments gegen Muslime auch Ausgrenzung von Menschen anderer Religionen ganz allgemein salonfähig gemacht haben. In dem Moment, in dem Abwertung in einer Gesellschaft sich nach religiösen Gruppierungen strukturiert, verstärkt sich auch die Ausgrenzung von Juden wieder.

In Deutschland lautet das Credo: «Nie wieder!». Nun kommt es zu einem Anschlag gegen Juden, der noch viel schlimmer hätte ausgehen können, wäre der Täter in die Synagoge eingedrungen. Wie gefährlich ist die Entwicklung gerade in einem Land wie Deutschland mit seiner verheerenden Geschichte?

Weltweit gibt es durch die Entwicklungen im Alltag starke Herausforderungen. Dadurch werden vergangene und autoritäre Alternativen für manche Menschen attraktiver, weil diese phantasierten vergangenen Zeiten das Versprechen der Selbstaufwertung beinhaltet und das Gefühl der Kontrolle vermittelt. In Deutschland ist dieser historische Boden ein völkischer Nationalismus, die Motive dieser Ideologie von damals bestehen noch untergründig fort – auch wenn diese lange Zeit nicht sichtbar waren. Ich hoffe nur, dass diese Gruppe nicht an Stärke gewinnen wird.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.