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Die Menschen Trauern auf der Strasse, der Täter steht bereits vor dem Ermittlungsgericht – was Sie am «Tag danach» wissen müssen

Ein Tag nach den Ereignissen in Halle herrscht langsam Klarheit über den Täter, die Motive und die Opfer. Für den Täter wurde noch in der Nacht auf Freitag Untersuchungshaft angeordnet. Wir fassen das Wichtigste für Sie zusammen – ohne Spekulationen.
Kevin Capellini
Tatort und Gedenkort zugleich. Der Dönerladen in Halle, wo eines der Opfer verstarb. (Bild: Keystone)

Tatort und Gedenkort zugleich. Der Dönerladen in Halle, wo eines der Opfer verstarb. (Bild: Keystone)

Lange war am Mittwoch nicht ganz klar, was in Halle passiert und wer für die Tat verantwortlich war. Nun weiss man, dass der Mann, der gestern Mittwoch in Halle zwei Menschen erschoss und zwei weitere verletze, ein antisemitisch motiviertes Motiv hatte. Aus diesem Grund stufte die deutsche Generalbundesanwaltschaft die Tat auch als rechtsextremen Terroranschlag ein.

Die ganze Stadt sei tief betroffen über die Geschehnisse, schreibt der Mitteldeutsche Rundfunk MDR, der aktiv über die Entwicklung in der ostdeutschen Stadt berichtet. Doch was genau ist wie, wann und wo passiert? Wir fassen am «Tag danach» für Sie zusammen.

Der Ablauf und die Opfer

Ein schwerbewaffnete Täter hat versucht, in einer Synagoge ein Blutbad während eines stattfindenden Gottesdienstes unter rund 80 Gläubigen anzurichten. Wie mehrere Medien berichten, ist der Täter dort jedoch an der Tür gescheitert. Denn oft ist in Synagogen die Tür während Feiern und Festen verriegelt, so dass von aussen niemand unerlaubt eindringen kann. In diesem Fall rettete dies vielen Menschen das Leben.

Der Täter versuchte sich dann mit Waffengewalt Zugang zu verschaffen, habe gegen die Tür geschossen und versucht, die Tür mit selber gebasteltem Sprengstoff zu zerstören. Als dies nicht gelang, verliess der Mann die Synagoge und begann wahllos zu schiessen. Das erste Opfer tötete er neben seinem Auto. Bei dem ersten Opfer handelt es sich um eine 40 Jahre alte Frau, die unweit der Synagoge wohnte.

Ein älterer Mann wollte sich um die leblose Frau kümmern. Als der Täter ihn sah, versuchte er ihn ebenfalls zu erschießen. Da die Waffe scheinbar eine Ladehemmung hatte, konnte der Mann in seinem Auto entkommen.

Beim zweiten Todesopfer handelt es sich um einen 20-jährigen Mann, der sich, als Maler arbeitend, auf einer Baustelle neben einem Dönerladen befand. Der Täter verletzte den jungen Mann und liess ihn liegen. Er verfolgte dann Passanten in der Stadt und kehrte dann zum Dönerladen zurück, wo er den verletzt am Boden liegenden 20-jährigen Mann erschoss.

Dann führte die Flucht aus Halle in den Ort Landsberg etwa 15 Kilometer östlich. Im Ortsteil Wiedersdorf gab der 27-Jährige Schüsse auf ein Ehepaar ab, wechselte das Auto und setzte seine Flucht mit einem gekaperten Taxi fort. Nach seiner Flucht war der Todesschütze auf der Bundesstrasse 91 südlich von Halle festgenommen worden, wie es aus Sicherheitskreisen hiess. Zu dem Zugriff kam es den Angaben zufolge in der Nähe von Hohenmölsen rund 45 Autominuten südlich von Halle durch Spezialkräfte.

Der anrückenden Polizei gelang es dann, nach einem Feuergefecht mit dem Täter, denn Mann zu verletzen und in der Folge zu überwältigen. Der Täter habe Schussverletzungen am Hals. Die Nacht habe er in einer Klinik in Weissenfels in Sachsen-Anhalt verbracht. Am Donnerstag sei er dann für eine Operation in eine Klinik in Halle gebracht worden.

Der Täter sei stark bewaffnet gewesen, er habe neben einer Pistole auch eine Schrotflinte, Granaten und Sprengstoff mit sich getragen.

Der Täter und das Motiv

Bei dem mutmasslichen Täter handelt es sich um einen 27-jährigen deutschen Mann aus Sachsen-Anhalt. Der Name des Mannes ist bekannt. Die Polizei bestätigte am Abend, dass es sich bei dem kurz nach der Tat festgenommenen Mann um den mutmasslichen Schützen handele.

Das Ziel des rechtsradikalen Täters war es, so viele Juden wie möglich zu töten. Als er scheiterte, begann er damit, Menschen zu erschiessen, die ihm zufällig auf der Strasse begegneten. Laut einem im Internet aufgetauchten Dokument hatte der Täter seinen Angriff schon länger geplant.

Gemäss der Leiterin, der auf die Beobachtung von Extremisten spezialisierten Seite Intelligence Group, Rita Katz, soll das PDF-Dokument Bilder von Waffen zeigen und einen Verweis auf das Live-Video enthalten. Das Dokument sei am 1. Oktober hochgeladen worden. In dem Text werde das Ziel genannt, «so viele Anti-Weisse zu töten wie möglich, vorzugsweise Juden». Ob es tatsächlich von dem mutmasslichen Täter stammt, ist noch nicht geklärt.

«Was wir am Mittwoch erlebt haben, war Terror», sagte Generalbundesanwalt Peter Frank am Donnerstag in Karlsruhe. Dem Täter wird nun zweifacher Mord und versuchter Mord in neun Fällen vorgeworfen. Die deutsche Bundesanwaltschaft hat Haftbefehl beantragt. Der Täter wird noch heute dem Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof vorgestellt.

Der Täter von Halle ist auf dem Weg zum Ermittlungsgericht am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. (Bild: Twitter/epa/Roland Wittek)

Der Täter von Halle ist auf dem Weg zum Ermittlungsgericht am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. (Bild: Twitter/epa/Roland Wittek)

Die Bedeutung

Der tödliche Angriff von Halle zeigt die Dimension rechtsextremer Gewalt in Deutschland. Und er macht deutlich: Solche Einzeltäter mögen ohne Komplizen handeln – allein sind sie deshalb aber nicht. Denn das in Teilen von Europa herrschende oder sich zuspitzende rechtspopulistische Klima, ermöglicht und fördert solche Taten.

Auch zeigt die Tat, welches Gedankengut sich in gewissen Kreisen verbreitet hat. Denn der Mann filmte seine Tat und übertrug sie live im Internet. Dabei machte er, während er andere Menschen erschoss, aus seinem Antisemitismus keinen Hehl, leugnete unter anderem den Holocaust und machte Aussagen, wonach die Juden für alles Schlechte auf der Welt verantwortlich seien. Zugleich, so schreibt der Spiegel, war der Täter von Halle Teil eines großen virtuellen Netzwerks: Dass er die Tat live streamte und dabei Englisch sprach, zeigt demnach, wie verbreitet und vernetzt Rechtsextreme auf der Welt sind.

Die Reaktionen

An Jom Kippur legen viele Juden ihre Arbeit nieder und verzichten auf Speisen und Getränke. Es ist ein Fest der Versöhnung. Der Anschlag ereignete sich genau an jenem höchsten jüdischen Feiertag. Innenminister Horst Seehofer sagte: «Der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur ist heute ein schwarzer Tag.»

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hält nach dem Anschlag eines mutmasslichen Rechtsextremisten auf die Synagoge in Halle im Bundesland Sachsen-Anhalt auch Politiker der AfD für mitverantwortlich.

«Das eine sind diese schrecklichen Gewalttäter, vor denen wir uns schützen müssen — das andere sind auch die geistigen Brandstifter», sagte Herrmann am Donnerstag im Bayerischen Rundfunk. «Da sind in letzter Zeit auch einige Vertreter der AfD in unverschämter Weise aufgefallen», fügte er hinzu.

Namentlich nannte Herrmann den Thüringer Rechtsaussen der rechtsnationalistischen Alternative für Deutschland (AfD) Björn Höcke. «Höcke ist einer der geistigen Brandstifter, wenn es darum geht, wieder mehr Antisemitismus in unserem Land zu verbreiten», sagte Herrmann und ergänzte: «Darüber müssen wir jetzt die politische Auseinandersetzung konsequent führen.»

Die Folgen

Die deutsche Justizministerin Christine Lambrecht bezeichnete den Rechtsextremismus als eine der aktuell grössten Bedrohungen, denen der Rechtsstaat mit allen Mitteln gegenübertreten müsse. Rechtsextremismus trete in Deutschland immer gewalttätiger und aggressiver auf, sagte Lambrecht am Donnerstag in Karlsruhe. Der Nährboden beginne oft mit Worten, denen dann Taten folgen.

Man müsse ganz deutlich machen, dass man die Mitmenschen in Deutschland schütze, sagte die Ministerin. Es gehöre zur Staatsräson, dass Juden in Deutschland sicher leben könnten. Lambrecht kündigte an, Vorschläge zu machen, wie Internetplattformen verpflichtet werden könnten, rechtsextreme Äusserungen zu verhindern.

Jedoch: Solche Taten zu vermeiden, ist schwierig, vor allem wegen der rechten Subkultur im Internet. «Das ist ein Milieu, das einerseits sowohl durch die Sicherheitsbehörden als auch durch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz überhaupt nicht erfasst ist - und wir haben andererseits auch kaum Forschung zur Frage, wie die Radikalisierung dort verläuft», zitiert der Spiegel den Rechtsextremismus-Forscher Matthias Quent, der in Jena das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft leitet.

Ein Ansatz könnten laut Quent Beratungsstellen sein, an die Menschen sich wenden könnten, wenn sie wahrnehmen, dass sich in ihrem Umfeld jemand etwa für den Bau von Waffen interessiert. Denn in jedem Fall, auch in Halle, müsse es Warnzeichen gegeben haben. Es könne nicht sein, dass niemand etwas bemerke, wenn ein Nachbar systematisch Waffen baue und horte. (Mit Material von sda/dpa/mdr)

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