Rebellion der politischen Aussenseiter in den USA

WASHINGTON. Erst taten die Analysten den republikanischen Präsidentschaftsbewerber Donald Trump als eine politische Eintagsfliege ab. Dann machten sie ihn zur Witzfigur. Nach seinen verbalen Ausfällen gegen Einwanderer, Frauen und Mitbewerber erklärten sie den Milliardär für erledigt.

Thomas Spang
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Donald Trump Präsidentschaftsbewerber Republikanische Partei (Bild: ap)

Donald Trump Präsidentschaftsbewerber Republikanische Partei (Bild: ap)

WASHINGTON. Erst taten die Analysten den republikanischen Präsidentschaftsbewerber Donald Trump als eine politische Eintagsfliege ab. Dann machten sie ihn zur Witzfigur. Nach seinen verbalen Ausfällen gegen Einwanderer, Frauen und Mitbewerber erklärten sie den Milliardär für erledigt. Statt in den Analen amerikanischer Wahlkampfkuriositäten zu verschwinden, kletterte «The Donald» in Umfragen aber immer höher.

Vor der zweiten Fernsehdebatte der republikanischen Präsidentschaftsbewerber heute Mittwoch in Kalifornien führt Trump das Kandidatenfeld mit Abstand an. Aktuelle Erhebungen zeigen, dass der New Yorker Baulöwe erste Wahl für einen von drei Republikanern ist. Einer von fünf unterstützt den anderen Aussenseiter des Rennens, den Neurochirurgen Ben Carson. Dagegen fielen klassische Karrierepolitiker in der Gunst der Konservativen weiter zurück. Der als Favorit gehandelte Jeb Bush kommt in einer Umfrage der Washington Post auf gerade einmal acht Prozent.

Sanders hat Clinton überholt

Bei den Demokraten ist die Situation fast spiegelbildlich. Die als unschlagbare Favoritin präsentierte Hillary Clinton verliert Woche für Woche an Boden. Der linke Herausforderer Bernie Sanders hat sie in den beiden ersten Staaten mit Vorwahlen – Iowa und New Hampshire – nicht nur eingeholt, sondern abgehängt. In einer aktuellen Umfrage des Fernsehsenders CBS führt der 74jährige Senator, der sich stolz als «demokratischer Sozialist» bezeichnet, in Iowa mit 43 zu 33 Prozent. In New Hampshire ist der Vorsprung mit 22 Punkten (52 zu 30 Prozent) noch deutlicher. Unklar bleibt, wie der mögliche Eintritt von Vizepräsident Joe Biden das Rennen bei den Demokraten beeinflussen würde. Ein emotionaler Auftritt in der Talkshow von Stephen Colbert, bei dem Biden über den Tod seines Sohnes sprach, verschaffte ihm viel Sympathie. Und hob unbeabsichtigt hervor, was die Wähler der Demokraten an Hillary am meisten auszusetzen haben: ihr als wenig echt empfundenes Auftreten.

Unbehagen mit der Politik

Das ist nach Einschätzung vieler Analysten die Essenz der E-Mail-Affäre. Deren Handhabung durch Clinton war problematischer als die Tatsache, dass sie als Aussenministerin E-Mails über einen privaten Server verschickte. 55 Prozent der Amerikaner kritisieren sie dafür. Fast genauso viele sagen, sie versuche, Fakten zu vertuschen. In einem hypothetischen Rennen zwischen Clinton und Trump läge Clinton statistisch unbedeutend mit nur drei Punkten vorne. Es dauert noch vier Monate bis zum ersten Urnengang am 1. Februar. Für US-Wahlkämpfe ist das noch eine halbe Ewigkeit. Trotzdem lässt sich das weitverbreitete Unbehagen der Amerikaner mit der Politik nicht übersehen. Sicher scheint zum jetzigen Zeitpunkt nur so viel: Weder für Clinton noch für Bush wird die Nominierung ein Spaziergang. Der Aufstand der Aussenseiter ist ein Fakt, den sie nicht länger ignorieren können.

Bernie Sanders Präsidentschaftsbewerber Demokratische Partei (Bild: ap)

Bernie Sanders Präsidentschaftsbewerber Demokratische Partei (Bild: ap)