Rebellen kritisieren Nato

Die libyschen Aufständischen fordern mehr und systematischere Luftangriffe als bisher, weil sie militärisch an verschiedenen Orten in Bedrängnis sind.

Michael Wrase
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«Nato agiert planlos»: Abdel Fatah Junis, Rebellen-Militärchef. (Bild: ap/Ben Curtis)

«Nato agiert planlos»: Abdel Fatah Junis, Rebellen-Militärchef. (Bild: ap/Ben Curtis)

Limassol. Bei ihrer Offensive zur Eroberung der libyschen Ölzentren Brega und Ras Lanuf kommen die Aufständischen nicht vorwärts. Im Gegenteil. Euphorisch gefeierten Geländegewinnen am Montag folgte schon einen Tag später ein entschlossener Gegenangriff der Gadhafi-Verbände, die anscheinend kaum Probleme haben, ihre Truppen ausreichend zu versorgen. Dabei sind die Transportwege entlang der nordafrikanischen Mittelmeerküste lang und übersichtlich. Die Nachschubkonvois könnten von der Nato leicht bombardiert werden. Allerdings würde nur «dann und wann» und «hier und dort» angegriffen, klagte Abdel Fatah Junis, der Militärchef der Aufständischen, am Dienstagabend in Benghasi.

Abstimmungsprobleme

Junis, der Anfang Februar noch Innenminister in Tripolis war, wirft der Nato Planlosigkeit vor. Seine Kritik wird von Brüssel jedoch zurückgewiesen. 851 Lufteinsätze in den vergangenen sechs Tagen sprächen für sich, heisst es dort. «Die Rebellen sehen uns möglicherweise nicht», sagte gestern ein Nato-Sprecher. Die vor Brega kämpfenden Aufständischen erklärten dagegen verärgert, dass sie zwar «Turbinengeräusche» hörten, nicht aber die so sehnsüchtig erwarteten Detonationen von einschlagenden Bomben.

Dies könnte auf Abstimmungsprobleme hindeuten. Die hochmoderne Luftwaffe hat anscheinend Schwierigkeiten, ihre Angriffe mit einer Rebellenarmee zu koordinieren, die erst noch richtig aufgebaut werden muss und bislang durch mangelnde Disziplin und Kampferfahrung geprägt wurde. Die täglichen Rückschläge gegen Gadhafis Truppen wirken demoralisierend. Befreiungsschläge sind nur nach präzisen und massiven Luftangriffen der Nato möglich, die anscheinend aber auf sich warten lassen.

Nüchtern betrachtet, sind die Nato und die Rebellen ja einfach unvermittelt in Kämpfe mit Gadhafis Truppen verwickelt worden. Die Eliteeinheiten des libyschen Diktators konnten sich dagegen Jahrelang auf den Krieg im Osten vorbereiten, den sie mit allen Mitteln gewinnen wollen. Dazu gehören auch Zivilisten, die in der umkämpften Hafenstadt Misrata als menschliche Schutzschilde eingesetzt werden, um Panzer und schwere Artillerie vor Nato-Angriffen zu schützen. Die Kritik der Aufständischen bezog sich gerade auch auf Misrata. Die Menschen dort würden von der Nato im Stich gelassen. Ein Sprecher der Nato sagte dazu: «Wir haben ein klares Mandat, und wir werden alles tun, um die Bevölkerung von Misrata zu schützen.»

Es fehlt immer noch an Waffen

Selbst wenn die Nato in den kommenden Tagen die Bitten der Rebellen erfüllen und massive Angriffe gegen die Gadhafi-Truppen um Brega fliegen sollte, wird sich die strategische Ausgangslage nicht sofort grundlegend ändern. Erst wenn die Aufständischen ausreichend bewaffnet sind und sie funktionierende Kommandostrukturen eingerichtet haben, die planvolle Offensivaktionen ermöglichen, wird sich das Blatt zu ihren Gunsten wenden. Selbst mit entschlossener westlicher Unterstützung, die anscheinend eingesetzt hat, ist dies nicht in wenigen Wochen zu schaffen. Helfen könnten vielleicht «befreundete Elitekommandos», deren Einsatz durch die UNO-Resolution 1973 aber nicht gedeckt und an der Seite der undisziplinierten Rebellen nur schwer vorstellbar ist.

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