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RASSISMUS: Frankreichs Juden beklagen Zunahme der Gewalt

Muslime werden in Frankreich zunehmend für antisemitische Akte verantwortlich gemacht. Diese richten sich nicht mehr nur gegen Synagogen, sondern auch direkt gegen Juden.

Das Hakenkreuz ist verkehrt gezeichnet, und die mit grünem Filzstift gekritzelten Worte stecken voller Rechtschreibefehler. Aber der Sinn des jüngsten Schreibens, den das jüdische Zentrum der Vorortsgemeinde La Varenne Saint-Hilaire im Pariser Osten diese Woche erhalten hat, ist glasklar: «Dreckjuden, Bande von Bastarden, nach Créteil werdet ihr verbrennen.»

Was mit «Créteil» gemeint ist, wissen die Franzosen nur zu gut: In dieser Vorstadt südöstlich von Paris brannte in der Nacht auf den 9. Januar 2015 ein kleiner jüdischer Supermarkt aus, nachdem die Brandstifter Hakenkreuze auf die Wände gesprayt hatten. Das Lokal war mit «hypercacher» angeschrieben gewesen – wie jener Laden, der vor genau drei Jahren, nach dem Terror­angriff auf die Redaktion des Satiremagazins «Charlie Hebdo», Opfer einer Geiselnahme mit vier Toten geworden war.

In den letzten drei Jahren hat die Zahl der antisemitischen Anschläge (335 im Jahr 2016) landesweit abgenommen. Trotzdem steigt in der jüdischen Gemeinschaft Frankreichs – mit schätzungsweise 500 000 Mitgliedern die grösste Europas – wieder die Angst. Denn neuerdings richten sich die Attacken nicht mehr gegen die Synagogen, sondern gegen die Juden selbst.

«Dreckjude» als fast schon banale Beschimpfung

Im vergangenen Jahr wurde eine pensionierte Ärztin namens Sarah Halimi im Pariser Einwandererviertel Belleville mitten in der Nacht von einem Nachbarn attackiert und über den Balkon in den Tod gestürzt. Der Täter, ein afrikanischer Muslim, beschimpfte die Rentnerin laut Zeugen des Verbrechens als «Sheitan» (arabisch für «Teufel»). Erste Annahmen, es handle sich in erster Linie um einen psychiatrischen Fall, werden mehr und mehr angezweifelt. In Livry-Gargan, ebenfalls im ärmeren Osten von Paris, wurde bei einer Familie eingebrochen, «weil die Juden Geld haben», wie die Täter meinten, als sie das ältere Ehepaar fesselten und malträtierten, bis es den Kreditkartencode herausgab. Die statistische Abnahme der antisemitischen Taten wird vor allem auf den Polizei- und Militärschutz jüdischer Einrichtungen zurückgeführt, der nach den Terror­anschlägen von 2015 verstärkt worden war.

Der jüdische Dachrat Crif meint, dass die persönlichen Attacken zunähmen, aber oft gar nicht registriert würden. «Dreckjude» sei in der Banlieue schon zu einer fast banalen Beschimpfung geworden.

Urheber sind meist nord­afrika­nische Immigranten. Laut dem Kulturhistoriker Georges Bensoussan geht der Judenhass in Frankreich kaum mehr von Rechtsextremen aus: «Die Neuheit ist der muslimische Anti­semitismus.» Wenn er politisch unterstützt werde, dann eher von antizionistischen Linksradikalen. In Frankreich werde er weit­gehend verdrängt, da das bis auf den Algerienkrieg zurückgehende Spannungsverhältnis zwischen sephardischen Juden und Muslimen zu brisant sei.

Als Folge ziehen heute wieder mehr Juden aus den Problemvierteln aus und siedeln sich, wenn sie es sich leisten können, im besseren Westteil von Paris an. Im Osten schliessen jüdische Schulen eine nach der anderen.

Das Nationale Büro für Aufmerksamkeit gegen Antisemitismus behauptet, es lasse keine noch so kleine Beschimpfung durchgehen, sondern reiche systematisch Klage ein. In der endlosen Banlieue von Paris, Lyon oder Marseille kämpft das Büro gegen Antisemitismus allerdings auf verlorenem Posten.

Stefan Brändle, Paris

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