«Rasch reagieren»

Der Londoner Strategie-Experte Douglas Barrie über Flugverbotszone und Waffenstillstand in Libyen

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Herr Barrie, Flugverbotszone klingt so harmlos. Muss man nicht erst einmal die Luftverteidigung bombardieren, ehe man Kampfjets auf Patrouille schickt?

Herr Barrie: Nicht unbedingt. Das kommt darauf an, welches Risiko Sie eingehen wollen. Das ist eine politische Entscheidung. Aus Sicht der beteiligten Piloten ist es natürlich wünschenswert, wenn die Gefährdung für sie möglichst gering ist.

Die UNO-Resolution erlaubt ja ausdrücklich auch eine Offensive aus der Luft. Wie viele Flugzeuge braucht man dafür?

Barrie: Sorry, aber da muss ich schon wieder sagen: Das hängt vom strategischen Ziel ab. Will man das ganze Land kontrollieren oder sich auf die Küstenzone beschränken? Letzteres scheint mir vernünftig. Womöglich konzentriert man sich sogar nur auf die Umgebung von Benghasi. Rund 50 bis 60 Kilometer vor der Stadt gibt es eine Radar- und Raketenstation. Das ist harmlos im Vergleich zum gut verteidigten Tripoli.

Welche Waffensysteme und wie viel Mann stehen Gadhafis Luftwaffe überhaupt zur Verfügung?

Barrie: Nominell gehören 18 000 Libyer zur Luftwaffe, 394 Kampfflugzeuge überwiegend sowjetischer Bauart, einige französische Mirage F-1, dazu Helikopter. Meiner Beobachtung der vergangenen Wochen nach sind höchstens 40 Flugzeuge einsatzbereit.

Die Jets verbreiten natürlich Angst und Schrecken, aber sind sie auch militärisch effektiv?

Barrie: Die Zielgenauigkeit der Bomben scheint ziemlich schlecht zu sein. Man muss ohnehin sagen: Die militärische Entscheidung fällt am Boden.

Da waren die Rebellen zuletzt aber total in der Defensive und wirkten hilflos.

Barrie: Jetzt müssen wir sehen, wie sich Gadhafis einseitiger Waffenstillstand auswirkt. Der Westen wird seine Flugzeuge in Stellung bringen. Dann kann man rasch reagieren.

Wie schnell können westliche Jets über Libyen zum Einsatz kommen?

Barrie: Ich nehme an, das wird sehr schnell gehen. Die Pläne zur vorherigen Ausschaltung der Luftabwehr-Systeme sind sicher längst fertig. Dabei geht es weniger um die Sicherheit der Kampfjets vom Typ Tornado GR4 und Eurofighter Typhoon, sondern um die AWACS-Aufklärer und die VC10-Tankflugzeuge. Die sind nicht beweglich genug, um anfliegenden Raketen rechtzeitig auszuweichen.

Also doch eine Bombardierung der Raketenstellungen?

Barrie: Da würden gewiss Tomahawk-Cruise Missiles eingesetzt. Die können von US-Navy-Flugzeugen oder britischen U-Booten abgefeuert werden.

Über Afghanistan sind zunehmend auch unbemannte Drohnen im Einsatz.

Barrie: Das wird in Libyen nicht anders sein. Auf diese Weise lassen sich rasch und ohne grosses Risiko wertvolle Erkenntnisse über Truppenstärke und Waffensysteme des Gegners erlangen.

Interview: Sebastian Borger