Rache für die «Mutter aller Bomben»?

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Autobombe Aufgerissene Hausfassaden, eingestürzte Mauern, zerfetzte Autos: Auch Stunden nach dem Attentat im Regierungs- und Diplomatenviertel Kabuls suchten gestern Bergungsmannschaften nach Opfern in den Trümmern. «Wir brauchen dringend Blut für alle Spitäler», appelliert das Innenministerium an die Öffentlichkeit. Um 8.30 Uhr Ortszeit war mitten im morgendlichen Berufsverkehr eine Bombe von grosser Sprengkraft hochgegangen. Bis am späteren Abend wurden mindestens 90 Todesopfer und über 460 Verletzte gezählt.

Bilder waren zu sehen, wie ein paar Hundert Meter entfernt vom Anschlagsort verzweifelte Afghanen mit den Händen gegen die Eisentore des von einer italienischen Hilfsorganisation betriebenen «Emergency Hospital» hämmerten. Sie wollten wissen, ob im Chaos des Anschlags verloren gegangene Verwandte dort behandelt werden. Die Telefone funktionierten nicht mehr, niemand war erreichbar. Afghanistans kriegsgeplagte Einwohner sind an viele Schrecken gewohnt. Aber der Anschlag gestern traf sie ins Mark. Einmal mehr mussten Kabuls Bewohner erfahren, dass sie sich nirgendwo sicher fühlen können.

Bombe war in einem Tankwagen versteckt

Die Bombe verwandelte auch die dreistöckige deutsche Botschaft binnen Sekunden in ein gräuliches Mahnmal der Gefahren am Hindukusch. Ein Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma wurde getötet, mehrere deutsche Mitarbeiter verletzt. Ob der Anschlag ein präzises Ziel gehabt hat, blieb zunächst unklar. Ein Polizeisprecher sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die in einem Abwassertankwagen versteckte Bombe sei zwar unweit des Zugangs zur deutschen Botschaft detoniert. Jedoch seien in der Umgebung auch andere Vertretungen sowie der Präsidentenpalast gelegen. Beschädigt wurden etwa auch die Botschaften Indiens, Frankreichs und Japans.

Laut Kabuls Polizeichef General Hassan Shah Frogh war der Sprengsatz in einem Lastwagen versteckt, in dem normalerweise Fäkalien aus Sickergruben abtransportiert werden. Der Selbstmordattentäter am Steuer nutzte den dichten Berufsverkehr, der um diese Zeit jeden Tag die Hochsicherheitszone im Stadtviertel Wazi Akbar Khan in einen einzigen Verkehrsstau verwandelt. Angesichts der allmorgendlichen Blechlawine sind um diese Tageszeit die Strassenkontrollen relativ sporadisch, um das Verkehrschaos nicht zu verschlimmern.

Die Talibanmilizen, die sich fast nie zu Anschlägen mit vielen zivilen Opfern bekennen, bestritten jede Verantwortung für das Attentat. Insgesamt sind laut US-Erkenntnissen 20 Terrorgruppen am Hindukusch aktiv. Kabul kontrolliere nur noch zwei Drittel des Landes. Nach neusten Angaben fallen in der Hauptstadt und der umliegenden Provinz mehr Zivilisten dem Krieg zum Opfer als überall sonst im Land. Der Volksmund in Kabul war schnell sicher, wer für den Anschlag verantwortlich ist, und sprach von der «Mutter aller Anschläge». Angespielt wurde auf die «Mutter aller Bomben», die im April auf Befehl von US-Präsident Trump in der Provinz Nangahar auf einen Höhlenkomplex abgeworfen worden war, in dem sich Kämpfer des afghanischen Ablegers des «Islamischen Staats» (IS) verschanzt hatten. Es war die stärkste konventionelle Bombe, die je abgeworfen wurde. Der IS hat seit Januar in Kabul mehrere spektakuläre Attentate ausgeführt. Viele Bewohner sind überzeugt, dass die Gruppe gestern Rache für Trumps Bombe verübte. Denn bei dem Anschlag nahm der Attentäter bewusst viele zivile Opfer in Kauf, oft ein Merkmal von IS-Attentaten.

Willi Germund, Bangkok