Rache an den «Tugendterroristen»

Vier Jahre nach seinem strittigen Bestseller «Deutschland schafft sich ab» ist Thilo Sarrazin zurück: In seinem neuen Buch prangert er den «Gleichheitswahn» der Gesellschaft an – und löst neue Kritik aus.

Christoph Reichmuth/Berlin
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Thilo Sarrazin Ehemaliger SPD-Politiker und umstrittener Buchautor (Bild: epa/Maurizio Gambarini)

Thilo Sarrazin Ehemaliger SPD-Politiker und umstrittener Buchautor (Bild: epa/Maurizio Gambarini)

Zwei Dutzend Demonstranten haben sich vor dem schwerbewachten Nikolaisaal in Potsdam postiert. Sie wollen ein Zeichen setzen gegen jenen Mann, der hier vor 200 Leuten gerade sein neuestes Buch vorstellen wird: Thilo Sarrazin. Vier Jahre nach seinem Bestseller «Deutschland schafft sich ab» (1,5 Millionen verkaufte Exemplare) ist der ehemalige SPD-Finanzpolitiker mit seinem neuen Werk «Der neue Tugendterror» zurück in der öffentlichen Debatte. Die Reaktionen sind ähnlich wie 2010: zum grössten Teil vernichtend.

Gleich im ersten Kapitel offenbart der 69-Jährige ziemlich unverblümt, worum es ihm geht: Der Autor sucht nach einer für ihn plausiblen Erklärung, weshalb sein erstes Buch von vielen so resolut abgelehnt wurde. Sein neues Werk verkommt so zu einer Art Rachefeldzug gegen all jene, die seinen Erstling kritisch zerpflückt hatten und Sarrazins Theorie, wonach der heimischen Kultur wegen der Zuwanderung schlechtgebildeter Menschen der Untergang drohe, in die rassistische Ecke stellten. Und das waren vor allem die Medien und die Politik.

Kritik am Streben nach Gleichheit

Der «Tugendterror»: Damit meint Sarrazin eine für scheinbar allgemeingültig befundene gesellschaftliche Moral, die von «links-liberalen Medien» und der Politik vorgegeben werde, ohne Widerspruch zu tolerieren. Wer sich diesen Wertvorstellungen nicht beuge, der werde von der Gesellschaft als Ketzer verstossen. Sarrazin prangert das gesellschaftliche Bestreben nach immer mehr «Gleichheit» an. Dabei verweist er auf den real existierenden Sozialismus, bei dem die staatlich verordnete Gleichheit die Freiheit der Menschen eingeschränkt habe.

Sarrazin verweist auf Statistiken, wonach 25 Prozent der jungen Moslems in Deutschland radikal seien. Zudem attestiert der Autor dem Islam Rückständigkeit. «Seit 700 Jahren hat der Islam keine bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnis hervorgebracht», sagte er vor mehrheitlich wohlgesinnten Zuhörern in Potsdam, «nicht, weil die Moslems dümmere Menschen wären, sondern weil sie sich durch ihre Religion geistig zu stark einengen lassen.»

Polemisch wirken auch seine Theorien zur Flüchtlingsfrage: Jede Regierung sei selbst dafür verantwortlich, was in ihrem Staat vor sich gehe, die ungebremste Zuwanderung von Schlechtqualifizierten müsse unterbunden werden. «Niemand bei uns ist dafür verantwortlich, was in Zentralafrika geschieht.» Selbstverständlich hat Sarrazin auch eine Meinung zur Homo-Ehe. Die Ehe sei ein Bund, deren Sinn darin bestehe, Kinder auf die Welt zu stellen. «Wenn zwei Männer sich dieser Albernheit aussetzen wollen, sollen sie es tun. Sie sollen ihr Bündnis bitte einfach nicht Ehe nennen.»

Nicht alles kleine Einsteins

Was sich Sarrazin genau als Alternative zu diesem angeblichen «Moralterror» vorgestellt hat, bleibt im dunkeln. Der Mensch werde im moralischen Sinne gleich geboren, aber ansonsten sei er eben ungleich – bei Intelligenz, Hautfarbe, Charakter. «Und unsere Gesellschaft glaubt, mit guter Bildung könnten wir aus allen kleine Einsteins formen.» Sarrazin lässt einen etwas ratlos zurück. Vielleicht will der gekränkte Autor von der Gesellschaft nur geliebt werden. Aber auch nach diesem Buch muss er weiter mit Liebesentzug rechnen.

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