Qatar investiert in Ghetto-Jugend

Peinlich für Paris: Das Golfemirat Qatar gewährt Jugendlichen in französischen Banlieues Millionenkredite, um aus dem Ghetto-Dasein herauszukommen. Fussballprofis von «Paris Saint-Germain» sollen in den Banlieues kicken.

Stefan Brändle
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Ausgebrannte Autos in der Banlieue Clichy-sous-Bois. (Bild: ap/Jacques Brinon)

Ausgebrannte Autos in der Banlieue Clichy-sous-Bois. (Bild: ap/Jacques Brinon)

Es herrscht Sparzwang – aber auf dieses 50-Millionen-Geschenk hätte Frankreich gerne verzichtet. Einen Betrag in dieser Höhe investiert das Emirat Qatar am Persischen Golf in die französischen Vorstädte. Jungunternehmer oder solche, die es werden wollen, können in Paris, Lyon oder Marseille entsprechende Projekte einreichen. Obwohl die Aktion erst seit ein paar Tagen läuft, hat die Botschaft Qatars in Paris bereits 80 Lebensläufe und 150 Dossiers für Unternehmensgründungen in die Hauptstadt Doha weitergeleitet.

Ein 50-Millionen-Euro-Check

«Für einmal ist unsere Identität kein Handicap mehr, sie wird vielmehr aufgewertet», sagt Kamel Hamza, der Vorsteher des Vereins von Lokalpolitikern mit Migrationshintergrund (Aneld). Der zur bürgerlichen Sarkozy-Partei UMP gehörende Vertreter des Banlieue-Ortes La Courneuve war Ende vergangenen Jahres mit Parlamentarierkollegen aller Parteien einer Einladung nach Qatar gefolgt. Dort überreichte ihnen der Emir Hamad bin Khalifa Al-Thani einen Check von 50 Millionen Euro, mit der Auflage, damit tragfähige Banlieue-Projekte zu verwirklichen.

«Das ist keine gemeinnützige Aktion oder Mäzenatentum, sondern eine für beide Seiten gewinnbringende Investition», erklärt Hamza. Ein Projekt betrifft zum Beispiel die Renovation von Liften, die in den heruntergekommenen Wohnsilos oft monatelang auf eine Reparatur warten und die Bewohner zwingen, zu Fuss in den zehnten oder 15. Stock hochzusteigen.

Regierung in Verlegenheit

Die französische Regierung begrüsst die Hilfe von aussen offiziell als «positives Zeichen für die Anerkennung der Talente und Kapazitäten in diesen Quartieren», wie Stadtminister Maurice Leroy sagt. Diese Reaktion hat allerdings vor allem diplomatische Gründe, sieht doch Präsident Sarkozy in Qatar und Al-Thani wichtige Verbündete im Mittleren Osten. In Wirklichkeit löst die dargebotene Hand aus Doha in Frankreich eher verlegene Reaktionen aus. 50 Millionen Euro sind eine erkleckliche Summe, wenn man mit dem Gesamtbudget des französischen Staates für die Banlieues – 548 Millionen Euro – vergleicht. Fast zehn Prozent des staatlichen Aufwandes für die Problemzonen der Republik werden künftig also aus dem Ausland kommen – und in einem Land wie Frankreich, wo der Staat traditionell eine starke Rolle spielt.

Der sozialistische Senator Claude Dilain ist deshalb gegen den Investitionsfonds Qatars. «Das ist ein Beleg für die Spaltung zwischen französischer Gesellschaft und den Banlieue-Gebieten, und diese Entwicklung sollten wir nicht noch fördern», sagt der frühere Bürgermeister von Clichy-sous-Bois, wo vor Jahren eine Serie von Banlieue-Krawallen begonnen hatte.

Qatar urteilt nach Fähigkeiten

Sein Parteikollege Renaud Gauquelin, Bürgermeister von Rillieux-la-Pape bei Lyon, macht dafür allerdings eher die Passivität der französischen Behörden verantwortlich: «Wenn der Staat die Banlieues besser behandeln würde, wären wir nicht bei einer solchen Operation angelangt.»

Der Politologe Mohammed Ali Adraoui wundert sich nicht über den Erfolg der Aktion: «Viele Jugendlichen finden trotz ihrer Diplome keine Arbeit. Frankreich verhält sich deshalb in ihren Augen wie ein heuchlerisches Land. In Qatar werden sie hingegen nach ihren wirklichen Fähigkeiten beurteilt.»

Beste Mittel gegen Spaltung

Die spürbare Skepsis in Frankreich gegenüber dem Vorgehen des Emirats gilt allerdings auch möglichen verdeckten Motiven der Golfmonarchie. «Wie weit wird Qatar noch gehen?», fragt die Zeitung «Le Monde». Über das Wochenende ist in Paris bekannt geworden, dass das Unternehmen «Qatar Sports Investments» den ihm gehörenden französischen Fussballclub Paris Saint-Germain (PSG) in das grosse, aber häufig leerstehende Stade de France verlagern will. Das hätte eine starke symbolische Bedeutung. Denn PSG hat einen sehr «bürgerlichen» Ruf; sein heutiges Stamm-Stadion im Parc des Princes liegt im schicken Westteil der französischen Hauptstadt.

Das Stade de France befindet sich jedoch in einer der unwirtlichen Banlieue-Zonen der französischen Hauptstadt. Das würde die gutbürgerlichen PSG-Anhänger zwingen, wöchentlich in die «heissen» Vororte zu reisen. «Wenn man die mentale Spaltung zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den Banlieues aufheben will, gibt es allerdings kein besseres Mittel», gibt Dilain zu.

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