Putins «direkter Draht» zum Volk – alles wird gut

MOSKAU. Präsident Putin hat alles im Griff, das ist die Botschaft. Der russische Bürger kann sich zurücklehnen und die politischen Geschäfte ruhigen Gewissens dem Kremlchef überlassen. Der kümmert sich schon drum.

Klaus-Helge Donath
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MOSKAU. Präsident Putin hat alles im Griff, das ist die Botschaft. Der russische Bürger kann sich zurücklehnen und die politischen Geschäfte ruhigen Gewissens dem Kremlchef überlassen. Der kümmert sich schon drum.

Jedes Jahr einmal dürfen Russlands Bürger dem Präsidenten im Fernsehen Fragen stellen. «Direkter Draht» nennt sich die Veranstaltung, die gestern zum 13. Mal seit Amtsantritt Wladimir Putins vor 15 Jahren abgehalten wurde.

Ein Experte in allen Bereichen

Mit jedem Jahr werden die Bürger eifriger. Diesmal ging die Rekordmenge von mehr als drei Millionen Kontakte ein. Auch der Präsident legte einen neuen Rekord hin: vier Stunden ohne Pause stand er Rede und Antwort – ohne auch nur das leiseste Anzeichen von Schwäche.

Ob der Vorortzug von Balaschow nach Saratow wieder fährt, den Brandopfern in Sibirien Entschädigungen zustehen, die Erhöhung der Autoversicherung berechtigt ist und wie es mit den Preisen für Arzneimittel steht – Wladimir Putin überzeugt das Fernsehvolk in jedem Lebensbereich mit Daten und Expertenmeinung. Nur einen Tag soll er sich auf den Dialog mit dem Volk vorbereitet haben.

Natürlich wird nichts dem Zufall überlassen. Die Fragesteller sind handverlesen und auf Herz und Nieren geprüft worden. Die Inszenierung ist aber kaum zu erkennen. Plumpe Ergebenheitsadressen sind nicht mehr so gefragt. Doch fehlten diesmal rhetorische Höhepunkte. Vor einem Jahr hatte der Kremlchef noch eingeräumt, dass die «höflichen grünen Männchen», welche die Krim besetzt hatten – anders als zuvor behauptet – doch russische Soldaten gewesen seien.

Die Ukraine, die Krim und der Westen standen diesmal nicht im Mittelpunkt. Von ukrainischen Faschisten, die seit einem Jahr den russischen Äther regieren, war gar nicht mehr die Rede. Auch Wladimir Putins Dictus geriet moderater ohne derbe und halbseidene Sprüche. Kurzum, der Kremlchef versagte dem Volk den Adrenalinstoss.

Sanktionen als Chance sehen

Putin malte ein rundum beruhigendes Szenario der wirtschaftlichen Entwicklung. So sei die Ölförderung 2014 auf Rekordniveau gestiegen und selbst das Wachstum hätte noch um 0,6 Prozent zugelegt. Die Bauwirtschaft entwickle sich ebenso prächtig wie der Nachwuchs, denn die Geburtenrate sei erneut positiv.

Allerdings räumte er ein, dass die Investitionen zurückgegangen seien, die Arbeitslosenzahl auf 5,8 Prozent und die Inflation gar auf 11,4 Prozent gestiegen seien. «Experten glauben, dass wir den Höhepunkt der Krise überwunden haben», sagte Putin. «Der Rubel hat sich stabilisiert und ist stärker geworden», erklärte der Kremlchef. Putin appellierte an die Bürger, die westlichen Sanktionen weniger als Last denn als Chance zu begreifen, «die Wirtschaft nach modernen Methoden zu organisieren».

Russische Beobachter zweifeln indessen daran, dass die Anti-Krisen-Massnahmen der Regierung eine neue Modernisierungsphase in Bewegung setzen können. Als Ex-Finanzminister Alexej Kudrin Putin mahnte, überfällige Strukturreformen einzuleiten und vom Rohstoffsektor unabhängig zu werden, wies Putin den Einwurf zurück. Alles ginge schon seinen richtigen Weg. Die Sanktionen hätten nichts mit der Ukraine zu tun. Ihre Zielsetzung sei politisch, da der Westen Russland in die Knie zwingen wolle. Daher müsse Moskau langen Atem beweisen.

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