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Das Ende der russischen Zarenfamilie: Pulverdampf, Stöhnen und Geschrei

Vor hundert Jahren wurden in Jekaterinburg die Zarenfamilie Romanow, ihr Leibarzt und drei Bedienstete erschossen. Die vorgeführte Grausamkeit wurde charakteristisch für das Vorgehen der Sowjetunion.
Stefan Scholl, Moskau
Nikolai II. mit seiner Familie, im Uhrzeigersinn von links: Olga, Nikolai II., Anastasia, die Zarin Alexandra, Maria, Tatjana und Zarewitsch Alexej. (Bild: Keystone; 1907)

Nikolai II. mit seiner Familie, im Uhrzeigersinn von links: Olga, Nikolai II., Anastasia, die Zarin Alexandra, Maria, Tatjana und Zarewitsch Alexej. (Bild: Keystone; 1907)

Das letzte Wort des abgedankten Zaren war eine ratlose Frage: «Was?» Vorher hatte ihm Jakow Jurowski, der Kommandeur der Wachmannschaft, die Entscheidung der örtlichen Arbeiter- und Soldatenräte verkündet, den Zaren und seine Familie erschiessen zu lassen.

Als Antwort soll Jurowski seine Mauserpistole gezückt haben, wie sich Michail Medwedew, ein anderes Mitglied des bolschewistischen Kommandos, später erinnerte. Es folgte eine wilde Schiesserei, sowohl Jurewitsch wie Medwedew behaupteten danach, sie hätten den früheren Imperator getötet, allein Medwedew feuerte aus seiner Browning-Pistole fünf Kugeln auf Nikolai II. ab.

Schützen töteten Überlebende mit Bajonettstichen

Die Todesschützen, die einzigen Zeugen, schrieben in ihren Memoiren von Pulverdampf, Stöhnen und Geschrei. Und davon, wie das Zimmermädchen Anna Demidowa mehrere Kugeln mit einem Kopfkissen auffing. Auch der Thronfolger Alexei und die Prinzessinnen Tatjana und Anastasia lebten hinterher noch, einige Kugeln prallten von den Korsetts der Mädchen ab, in die sie vorher den Familienschmuck eingenäht hatten. Die Mörder machten ihnen mit Bajonettstichen und Fangschüssen aus nächster Nähe den Garaus.

Russland begeht in diesen Tagen eine traurige Hundertjahrfeier. In der Nacht auf den 17. Juli 1917 töteten die Bolschewisten im Keller eines Wohnhauses in Jekaterinburg den letzten russischen Zaren Nikolai II., die Zarin Alexandra, ihre fünf Kinder, ausserdem den Leibarzt der ­Zarenfamilie, den Koch, den Kammerdiener und das Zimmermädchen. Ein Schlachtfest, das zum Fanal für die Grausamkeit der Sowjetmacht im Umgang mit ihren politischen Gegnern werden sollte. «Diese Tat ist weniger eine Erscheinung des politischen Kampfes als der pathologischen Psychologie der Bolschewisten», sagt der Petersburger Historiker Konstantin Schukow.

«Kein Mensch, keine Probleme»

Nikolai II. hatte während der Februarrevolution 1917 abgedankt, aber statt sich wie später sein glücklicherer deutscher Vetter Kaiser Wilhelm II. nach dem Thronverlust ins Ausland abzusetzen oder Schutz bei noch loyalen Frontregimentern zu suchen, kehrte der Familienmensch zu Frau und Kindern ins revolutionäre Petrograd zurück. Dort versuchte Nikolai II. mit seiner Abdankung zu Gunsten seines Bruders, Grossfürst Michail, die Zarendynastie zu retten. Doch die Revolution war nicht mehr aufzuhalten. Die Romanows wurden von der provisorischen Regierung verhaftet, dann ins westsibirische Tobolsk geschickt. Dort fielen sie nach dem Oktoberumsturz 1917 in die Hände der Kommunisten, die die Romanows nach Jekaterinburg brachten.

Im Juli 1918 näherte sich die Bürgerkriegsfront Jekaterinburg. Statt die Zarenfamilie ins sichere Moskau abzutransportieren, beschlossen die örtlichen Bolschewisten, sie zu töten. Bis heute ist nicht zweifelsfrei geklärt, ob Kommunistenführer Wladimir Lenin den Mord sanktionierte. Aber auf jeden Fall nahm der Kreml die Gräueltaten hin, ohne die Mörder zu tadeln oder gar zu bestrafen. Der Zar wurde das erste prominente Opfer jenes Zynismus, der die Sowjetjustiz jahrzehntelang prägen sollte und den Schriftsteller Anatol Rybakow 70 Jahre später auf eine knappe Formel brachte: «Kein Mensch, keine Probleme.» Zuvor hatte Wladimir Lenin einen Schauprozess gegen Nikolai II. in Moskau geplant, um ihn für seine «verbrecherische» Politik zu verurteilen. Aber die Anhänger des Weltrevolutionärs machten auch vor den minderjährigen Kindern des Zaren nicht Halt.

1934, schon während der Stalinzeit, rechtfertigte Jurowski ihre Erschiessung vor alten Parteigenossen: «Aber was für Erwachsene wären heute aus diesen kleinen Mädchen und Jungs geworden?» Und auch für die Bediensteten der Zaren zeigte er kein Mitleid: «Sie haben doch erklärt, sie wollten das Schicksal des Monarchen teilen, also sollen sie es auch teilen.» Millionen weitere Sowjetmenschen verloren unter Jossif Stalin wegen Verwandtschaft oder «sozialer Nähe» zum Klassenfeind ihre Freiheit und ihr Leben.

Überreste erst 1991 entdeckt

Die Bolschewisten begründeten die Ermordung mit Sachzwängen: Zum einen hätte das Jekaterinburger Proletariat den Kopf der Romanows gefordert. Dem habe man nachgegeben, sonst wären sie zu anderen Linksextremisten, etwa den Sozialrevolutionären, übergelaufen. Zum anderen habe man verhindern müssen, dass die weissen Truppen, die auf Jekaterinburg vorstiessen, Nikolai II. befreiten und ihn zur Symbolfigur ihres antibolschewistischen Kampfes machten. Russische Historiker zweifeln daran. «Die weisse Bewegung, die die Kommunisten bekämpfte, war nur zum Teil monarchistisch», sagt der Historiker Boris Kolonitski. «Ausserdem gab es mit dem Grossfürsten Nikolai Nikolajewitsch einen lebendigen, freien und populären Romanow, der aber keinerlei politischen Einfluss hatte.»

Nach der Erschiessung gaben die Bolschewisten nur den Tod von Nikolai II. bekannt, behaupteten noch jahrelang, sie hätten seine Familie in Sicherheit gebracht. Die Toten warfen sie in einen Schacht, ihre Überreste wurden erst 1991 entdeckt. Heute verurteilt die Mehrheit der Russen die Erschiessung der Zarenfamilie. Nach einer Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM betrachten 57 Prozent von ihnen die Tat als «grauenhafte und durch nichts gerechtfertigte Verbrechen», nur 3 Prozent als «gerechte Strafe für die Fehler des Imperators».

Im Jahr 2000 heiliggesprochen

Endgültig beerdigt sind der Zar und seine Familie noch immer nicht. Noch während des Bürgerkriegs kamen Gerüchte auf, die Zarenfamilie habe fliehen können, danach tauchten im Ausland mehrere Hochstapler auf, die sich als Zarenkinder ausgaben. Die berühmteste war die Polin Anna Anderson, die bis zu ihrem Tod 1986 in russischen Emigrantenkreisen als überlebende Zarentochter Anastasia gehandelt und Heldin mehrerer Kinofilme wurde. Umgekehrt zweifelt trotz aller DNA-Proben die orthodoxe Kirche bis heute die Echtheit der Romanow-Gebeine an. Sowohl Kirchenvertreter wie das russische Ermittlungskomitee halten nach wie vor eine Rettung der Zarenfamilie für möglich. Und sowohl hohe Geistliche wie staatliche Ermittler erwägen auch die Version eines Ritualmordes, etwa eines jüdisch-bolschewistischen Menschenopfers. Der Bund der jüdischen Gemeinden Russlands protestiert bisher vergeblich dagegen.

Die meisten Familienangehörigen wurden 1998 in der Peter-und-Paul-Kathedrale in St. Petersburg beigesetzt. Im Jahr 2000 hat die Kirche den Zaren und seine Familie als Märtyrer heiliggesprochen, 2016 auch den mit ihnen gestorbenen Leibarzt Jewgeni Botkin. Nicht aber ihre drei Hausgehilfen, die das Martyrium der Romanows ebenfalls geteilt hatten. Auch die orthodoxe Kirche hat wenig übrig fürs Dienstpersonal.

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