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Prozess gegen NSU-Zschäpe: Eiskalte Mittäterin oder scheue Mitwisserin?

Mehr als fünf Jahre lang dauerte die Verhandlung. Heute folgt der Richterspruch im Mammutprozess gegen den rechtsextremen Untergrund NSU. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe gibt weiterhin Rätsel auf.
Christoph Reichmuth, Berlin
Beate Zschäpe am Oberlandesgericht München. Heute Mittwoch fällt das Urteil gegen die 43-jährige Hauptangeklagte und vier weitere Unterstützer des NSU. (Jörg Koch/EPA, 3. Juli 2018)

Beate Zschäpe am Oberlandesgericht München. Heute Mittwoch fällt das Urteil gegen die 43-jährige Hauptangeklagte und vier weitere Unterstützer des NSU. (Jörg Koch/EPA, 3. Juli 2018)

760 Zeugen sagten in dem aufwendigsten Prozess der deutschen Rechtsgeschichte aus, 50 Sachverständige wurden angehört, die Ermittlungsakte umfasst 300000 Seiten – und doch: Mehr als fünf Jahre und zwei Monate nach Prozessauftakt gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) bleiben viele Fragen offen: Warum mussten neun Migranten und eine junge Polizistin sterben? Wie konnte es sein, dass die Strafverfolgungsbehörden die Hinweise ins rechtsextreme Milieu übersahen? Was wussten die Verfassungsschützer? Und: War die Hauptangeklagte Beate Zschäpe Mittäterin oder bloss Mitwisserin?

Heute um 9.30 Uhr fällt im Prozess vor dem Oberlandesgericht München das Urteil gegen die heute 43-jährige Hauptangeklagte und vier weitere Unterstützer des NSU. Die Bundesanwaltschaft verlangt für die in Jena geborene gelernte Gärtnerin Zschäpe die Höchststrafe: lebenslänglich mit besonderer Schwere der Schuld plus Sicherungsverwahrung. Die Verteidigung zeichnet von der Angeklagten hingegen das Bild einer Frau, die in die Fänge der beiden gewaltbereiten Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos geraten ist – und von den insgesamt zehn Morden, zwei Sprengstoffanschlägen mit Dutzenden von Verletzten und 15 Raubüberfällen immer erst im Nachhinein erfahren haben will.

Medien sprachen lediglich von «Döner-Morden»

Die Opfer des NSU waren – mit Ausnahme einer jungen Polizistin – Migranten türkischer, iranischer und griechischer Abstammung. Die Rechtsterroristen schlugen ohne Vorwarnung zu, streckten ihre Opfer – Blumenhändler, Imbiss-Verkäufer oder Kioskbetreiber – mit einer von Unterstützern besorgten Pistole nieder. Das aus der Jenaer Rechtsextremen-Szene stammende Neonazi-Trio Bönhardt, Mundlos und Zschäpe ging 1998 in den Untergrund. Bereits damals waren die drei den Strafverfolgern bestens bekannt. Erst nach einem missglückten Raubüberfall im November 2011 – Mundlos und Bönhardt nahmen sich damals mutmasslich das Leben, Zschäpe verteilte ein Bekennervideo und stellte sich wenige Tage später der Polizei – flogen die Rechtsterroristen auf.

Die Strafverfolgungsbehörden konnten oder wollten den rechtsextremen Hintergrund der Morde zuvor jahrelang nicht erkennen, stets ging die Öffentlichkeit von Abrechnungen im Drogenmilieu aus, in den Medien war die Rede von «Döner-Morden». Was nach dem Mammutprozess als ziemlich sicher gilt: Die letzte Verbliebene des NSU-Trios war bei den Mordaktionen in Nürnberg, Kassel oder München selbst nicht dabei.

Zeugen attestieren Zschäpe selbstbewusstes Agieren

Das Oberlandesgericht München hat nun zu urteilen, ob Zschäpe, die während den Taten jeweils in der gemeinsamen Wohnung in Zwickau zurückgeblieben und nach aussen hin die bürgerliche Fassade des Trios aufrechterhalten hatte, Mittäterin ist oder nicht. Während der gesamten Verhandlung brach Zschäpe lediglich zwei Mal ihr Schweigen.

Im Herbst 2016 sagte sie, sie verurteile die Taten der beiden Uwes. Ihr eigenes Fehlverhalten bestehe darin, dass sie nicht die Kraft aufgebracht habe, sich aus der Abhängigkeit der beiden Neonazis zu lösen. Zschäpe zeichnet von sich bis heute ein Bild der scheuen Mitläuferin. Dieses steht jedoch im krassen Widerspruch zu ihrem selbstbewussten Agieren in der Szene, was mehrere Zeugen attestiert hatten.

Bei ihrem Schlusswort Anfang Juli konnte Zschäpe zudem den Eindruck nicht aus dem Weg schaffen, dass die von ihr geäusserte Reue vor allem taktische Gründe hat. Sie räumte ein, «gravierende Fehler» gemacht zu haben, appellierte an den Richter, sie «nicht stellvertretend für etwas, was ich weder gewollt noch getan habe», zu verurteilen. Die quälenden Fragen der Hinterbliebenen konnte oder wollte Zschäpe aber nicht beantworten: «Ich hatte und habe keine Erkenntnis darüber, warum gerade diese Menschen ausgewählt wurden.»

Ziemlich sicher werden die Hinterbliebenen auch nach dem heutigen Gerichtsurteil nicht abschliessen können. Je nach Richterspruch wird die Anklagebehörde oder die Verteidigung in Berufung gehen.

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