Proteste in Hongkong werden gewalttätiger: Mit Pfeilbögen für die Freiheit

Die Gewalt erreicht eine neue Stufe: Die Polizei umstellt eine Universität, die Aktivisten zielen mit Pfeilbögen auf die Ordnungshüter. Heute droht die Eskalation.

Fabian Kretschmer aus Peking
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Die Szenen sind filmreif: Verzweifelte Aktivisten seilen sich von einer Brücke vor der Polytechnischen Universität in Hongkong ab. Manche stürzen, weil sie nicht genug Kraft haben. Die Polizei schiesst mit Tränengas-Geschossen in die Menge der Freiwilligen, die unter der Brücke mit ihren Motorrädern stehen und versuchen, die Aktivisten in Sicherheit zu bringen.

Ein Passant hält alles auf Video fest. Kurze Zeit später übernimmt die Polizei die Kontrolle. Auch der letzte Fluchtweg der hunderten Aktivisten, die sich seit dem Wochenende im Gebäude der Polytechnischen Universität verschanzen, ist abgeschnitten.

Hongkongs Universitäten waren in den vergangenen Tagen die letzten Rückzugsorte für Tausende Demonstranten, die sich vor der zunehmend brutal agierenden Polizei in Sicherheit zu bringen versuchten. Hongkongs Verwaltung wirft den Aktivisten vor, die Unis als «Waffenfabriken» zu missbrauchen. In der Nacht auf Donnerstag haben Hundertschaften von Polizisten deshalb auch die Polytechnische Universität umstellt. Wer versuchte, zu fliehen, wurde mit Tränengas und Gummigeschossen zurückgedrängt. Die Eingesperrten antworteten mit selbstgebastelten Katapulten und Pfeilbogen-Geschütz, das sie direkt auf die Polizisten richteten. Wilder Westen im Fernen Osten.

Der Protestbewegung: Was in Hongkong bisher geschah.

Februar/März 2019

Auslöser für die Proteste ist ein Gesetz, das die Auslieferung Verdächtiger an China ermöglichen soll. Tausende demonstrieren gegen den Vorschlag. Im Juni erste Konfrontation mit der Polizei.

13. - 14. August 2019

Demonstranten besetzten Hongkongs International Airport. Während zweier Tage wird der Flugverkehr massiv behindert. Am 4. September zieht Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam (links) das Gesetz zurück. Die Demonstranten fordern aber weit mehr: Demokratie und Meinungsfreiheit.

4. Oktober

Die Regierung ruft den Notstand aus und verhängt ein Vermummungsverbot, das gestern von Hongkongs höchstem Gericht als verfassungswidrig erklärt wurde. Am 29. Oktober wird Joshua Wong (lins), das Gesicht der Bewegung, von den Wahlen in Hongkong ausgeschlossen.

November 2019

Die Demonstranten ziehen sich in Hongkongs Universitäten zurück. Polizisten räumen die Unis mit Gewalt. Die Polytechnische Universität ist die letzte Rückzugsmöglichkeit der Demonstranten. Heute wollen Tausende die in der Uni eingeschlossenen Kollegen mit Gewalt herausholen. (ras/sas)

Heute Abend startet die «Operation Dünkirchen»

In der Nacht auf Montag haben die Sicherheitskräfte schliesslich eine weitere Grenze überschritten: Sie haben nicht nur Molotow-Cocktails-werfende Aktivisten verhaftet, sondern auch freiwillige Helfer, die bei der Verarztung der verletzten Demonstranten mithalfen.

Die Bilder der gefesselten Helfer, die eingepfercht hinter Polizisten und Absperrbändern auf dem nackten Asphalt sitzen und auf ihren Abtransport warten, haben auch den moderaten Teil der Hongkonger Bevölkerung erzürnt. Die Aktivisten fürchten, dass die Eskalation in Hongkong unmittelbar bevorsteht. «Das ist ungeheuerlich!», schrieb der 23-jährige Aktivist Joshua Wong auf Twitter:

«Die Hongkonger Regierung hat die Kontrolle über ihre Polizeigewalt verloren. Ein Blutbad ist auf dem Weg.»

Bis Redaktionsschluss ist es nicht dazu gekommen, doch Wongs Befürchtung ist keinesfalls unbegründet. Der harte Kern der Protestbewegung bereitet sich derzeit darauf vor, die in der Polytechnischen Universität eingesperrten Kollegen nötigenfalls mit Gewalt aus der Falle zu holen. Die nach der Befreiungsmission der Alliierten während des Zweiten Weltkriegs benannte «Operation Dünkirchen» soll heute Abend starten. Bis dahin müssen die eingeschlossenen Demonstranten ausharren.

Der Versorgungsstrom ist abgeschnitten; vor allem Trinkwasser, Lebensmittel und medizinische Ausrüstung werden knapp. Eine Flucht ohne Verhaftung scheint derzeit nicht möglich: An den Ausgängen wartet die Polizei mit Tränengasgeschossen.

Seit über fünf Monaten hält die Protestbewegung gegen die Aushöhlung der Freiheiten Hongkongs durch Festlandchina bereits an. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die noch junge Woche die brutalsten Auseinandersetzungen dieses Konflikts sehen wird. Allein bis Montagmittag hat die Polizei rund 150 Demonstranten festgenommen, darunter auch eine Handvoll Journalisten. Es grenzt an ein Wunder, dass der Konflikt bislang nicht noch mehr Opfer gefordert hat.

Die Polizei hatte bei den Gefechten an der Polytechnischen Universität am Montagmorgen angedroht, von ihrem Waffenrecht Gebrauch zu machen. «Wir haben keine andere Wahl, als die nötige Gewalt anzuwenden, um der Situation Herr zu werden», sagte der Leiter der Hongkonger Polizei Louis Lau. Die Aktivisten bezeichnete er als «kaltblütige Randalierer».

Die zunehmende Gewalt der Demonstranten beunruhigt nicht nur die Polizei, sondern auch Man-Kei Tam, den Leiter von Amnesty International Hongkong. «Der Hauptgrund für die Eskalation ist aber die harte Reaktion der Polizei gegenüber den grösstenteils noch immer friedlichen Demonstranten», sagte der Menschenrechtsaktivist.

Hongkongs Lokalregierung zog gestern die Konsequenzen aus den jüngsten Entwicklungen und sagte, die Wahrscheinlichkeit sinke, dass die für kommenden Sonntag geplanten Regionalwahlen durchgeführt werden könnten. Eine Verschiebung oder gar Streichung der Wahlen würde allerdings zusätzlich Öl ins Feuer giessen: Laut einer aktuellen Umfrage der Hongkonger Tageszeitung «Ming Pao» vom Oktober liegen die pro-demokratischen Kandidaten mit Zustimmungswerten von 44,5 Prozent weit vor den Peking-Loyalisten mit sechs Prozent.

Festlandchinesen sind wütig auf die lasche Hongkonger Polizei

In Festlandchina wird das Thema Hongkong längst nicht mehr totgeschwiegen. Die Medien berichten allerdings extrem selektiv über die Geschehnisse. Die «Global Times», das englischsprachige Propagandaorgan der Kommunistischen Partei in Peking, publiziert vornehmend Videoaufnahmen von frustrierten Hongkongern, die die Strassenblockaden der Demonstranten wegräumen.

Zudem betont die Zeitung in Leitartikeln und Tweets die wirtschaftliche Abhängigkeit der Sonderverwaltungszone von China und die wirtschaftliche Misere, in die die Protestbewegung Hongkong geführt hat. Generell lautet der Tenor der chinesischen Medien, dass die Polizei der Gewalt ein Ende setzen müsse – und zwar schnellstmöglich.

Die Sympathie der Festland-Chinesen für die Aktivisten in Hongkong hält sich entsprechend weiter in Grenzen. Die vorherrschende Meinung schwankt zwischen Indifferenz und Wut, dass die Polizei die chaotische Lage noch nicht in den Griff bekommen hat. Für die Opferbereitschaft der Demonstranten haben die meisten Festlandchinesen kein Verständnis.

Die grosse Frage in Hongkong lautet, wie die Sicherheitskräfte auf die angekündigte «Operation Dünkirchen» reagieren wird. Es ist nur schwer vorstellbar, wie ein solches Himmelfahrtskommando – wenn es denn tatsächlich umgesetzt wird – angesichts der übermächtigen Polizeipräsenz gelingen soll.

Mit Einbruch der Dunkelheit zogen gestern jedoch Tausende, bislang friedliche Demonstranten zum Campus der Polytechnischen Universität. Auch die Tränengasgeschosse der Polizisten konnten die Massen nicht abschrecken. «Rettet die Studenten!», riefen sie voller Entschlossenheit in die Hongkonger Nacht.

Proteste in Hongkong beschäftigen auch die Schweizer Justiz

Die Proteste in Hongkong beschäftigen auch die Schweizer Justiz. Ein in der Schweiz ansässiger Chinese hatte 2018 diverse Gerätschaften aus den USA bestellt und nach Hongkong weitergeschickt; darunter Nachtsichtbrillen und sichtunterbrechende Laserpointer. Die US-Justiz forderte die Schweizer Kollegen auf, den Chinesen auszuliefern, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet.

In den USA wirft man dem Mann vor, die gefährliche Ware als Spielzeug deklariert und direkt in ein Konfliktgebiet geschickt zu haben. Die Polizei verhaftete den in Hongkong gemeldeten Mann im Wallis und setzte ihn in Auslieferungshaft. Dagegen wehrt er sich gerichtlich. Nun muss das Bundesgericht entscheiden, ob der Mann ausgeliefert wird. Bis dahin bleibt er im Wallis in Untersuchungshaft. (sas)