Protestaufruf an alle Araber

Hamas-Führer Khaled Mashaal ruft aus seinem syrischen Exil die Araber zum gemeinsamen Widerstand gegen den Gaza-Krieg auf. In arabischen Regierungspalästen wächst die Unruhe.

Michael Wrase
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«Stoppt das Töten»: Palästinenser protestieren vor der Altstadt Jerusalems gegen Israels Angriffe im dichtbevölkerten Teil des Gaza-Streifens.

«Stoppt das Töten»: Palästinenser protestieren vor der Altstadt Jerusalems gegen Israels Angriffe im dichtbevölkerten Teil des Gaza-Streifens.

Limassol. Die islamistische Hamas hat sich nicht nur ihre Raketenstrategie bei der Hisbollah abgeschaut. Vom Führer der libanesischen Kampforganisation scheint der in Damaskus im syrischen Exil lebende Hamas-Chef Khaled Mashaal auch gelernt zu haben, wie man sich propagandistisch richtig in Szene setzt.

Mashaals in der Nacht auf gestern in Damaskus gehaltene Rede verglichen arabische Beobachter jedenfalls mit den überaus medienwirksamen Auftritten Hassan Nasrallahs während des 33-Tage-Krieges in Sommer 2006.

«Ein Meer von Blut»

«Was habt ihr in diesem Krieg bisher erreicht?», fragte Mashaal in seiner emotionalen Rede, die von fast allen arabischen Fernsehsendern live übertragen wurde – und lieferte die Antwort gleich hinterher: «Der einzige Erfolg der Invasion sei, den Gaza-Streifen in ein Meer von Blut zu verwandeln.»

«Wir erleben gegenwärtig die härtesten Zeiten in unserem Widerstand», sagte Mashaal, der seine Landsleute «in den Palästinensergebieten und auf der arabische Strasse» eindringlich aufforderte, ihre Proteste fortzusetzen.

Einem Waffenstillstand, erklärte er, werde die Hamas erst dann zustimmen, wenn Israel seine Militäroffensive stoppe, sich aus dem Gaza-Streifen zurückziehe und die Blockade des Küstenstreifens beende, sagte er.

Mashaal dürfte sich im Klaren gewesen sein, dass er mit diesen unrealistischen Forderungen nicht durchkommen wird. Dass er sie dennoch stellte, spricht für Zuversicht oder für eine «tollkühne Verkennung der Tatsachen», wie es ein israelischer Kommentator gestern formulierte.

Er beschrieb die Hamas als eine «bereits geschlagene Terrororganisation» und hielt sich mit dieser Darstellung an die offizielle Linie der israelischen Regierung, die auch nach 15 Kriegstagen keine unparteiischen Auslandskorrespondenten in den Gaza-Streifen einreisen lässt.

Zweifel an Erfolgsmeldungen

Zweifel sind daher angebracht. Nicht nur arabische, sondern auch israelische Beobachter hinterfragen inzwischen die israelischen Erfolgsmeldungen.

«Die Tatsache, dass die Führung der Hamas abgetaucht ist und ihre Kämpfer in keiner Eile sind, um sich in Mann-zu-Mann-Kämpfen mit der israelischen Armee zu begeben, heisst nicht notwendigerweise, dass sie in einem Schockzustand sind», schrieb der israelische Militärstratege Yossi Melman in der Zeitung «Haaretz».

«Kalkulierte Entscheidung»

Es sei möglich, dass die Zurückhaltung der Hamas eine «gut kalkulierte Entscheidung» sei, um ihre militärischen Fähigkeiten für die «noch bevorstehende Konfrontation oder den Tag danach» zu behalten.

Ein Regierungssprecher in Washington stellte sogar die bange Frage, ob Israel vielleicht «die Schlacht gewinne, aber den Krieg am Ende verliere».

Israel demonstriere in diesem Krieg zwar seine «militärische Überlegenheit», betonte der britische Politikwissenschafter John Monroe, der seit 30 Jahren im Nahen Osten lebt. Das Dauerbombardement werde die Hamas aber «nicht schwächen, sondern weiter stärken». Sollten diese Einschätzungen zutreffen, machen die optimistischen Durchhalteparolen von Hamas-Führer Mashaal durchaus Sinn.

Weitere Kriegswoche befürchtet

Nicht einmal während des 33-Tage-Krieges in Libanon habe die «arabische Strasse so gebrodelt wie gegenwärtig», stellte ein Kommentator des Senders «Al Jazira» gestern fest. In den Regierungspalästen in Kairo, Amman und Riad wachse die Unruhe.

Nach den Massendemonstrationen vom vergangenen Freitag fürchte man sich vor einer weiteren Kriegswoche, welche die Hamas – trotz hoher Verluste – anscheinend überstehen könne.

Wie keine andere Palästinenserorganisation zuvor habe es die Hamas geschafft, das Palästinenser-Problem nachhaltig auf den ersten Platz der arabischen Agenda zurückzubringen. Mit «europäisch-amerikanischer Stückwerkdiplomatie» sei es nach dem Krieg im Gaza-Streifen nicht mehr getan, sagte der «Al Jazira»-Kommentator.

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