PRÄSIDENTSCHAFT: «Die dümmste Rechte der Welt»

Frankreichs konservative Spitzenkandidaten liefern sich vor der parteiinternen Stichwahl vom Sonntag einen harten Schlagabtausch. Insbesondere Alain Juppé hat jede Zurückhaltung abgelegt.

Stefan Brändle/Paris
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Teilt heftig aus: Alain Juppé, der gerne nächster Präsident Frankreichs werden würde. (Bild: Michel Euler/AP (Paris, 20. November 2016))

Teilt heftig aus: Alain Juppé, der gerne nächster Präsident Frankreichs werden würde. (Bild: Michel Euler/AP (Paris, 20. November 2016))

Stefan Brändle/Paris

Parteifreunde sind bessere Feinde. Das gilt seit letztem Sonntag auch für die französischen Republikaner. Nach monatelanger unangefochtener Führung in allen Meinungsumfragen stürzte Alain Juppé an einem einzigen Abend vom hohen Ross: In der Vorausscheidung für die Präsidentschaftswahlen musste er sich mit dem zweiten Platz begnügen, über 15 Prozentpunkte hinter dem Überraschungssieger François Fillon. Jetzt, kurz vor dem Stichentscheid, herrscht zwischen den beiden ehemaligen Regierungschefs «Krieg», wie sich die Pariser TV-Station BFM ausdrückt.

Alain Juppé hat seine Zurückhaltung und betonte Gelassenheit über Nacht abgelegt – und greift an. Der Premierminister des früheren Staatschefs Jacques Chirac wirft Fillon vor, ein «unglaubwürdiges» Programm radikaler Wirtschaftsreformen vorzulegen – Ende der 35-Stunden-Woche, Rentenalter 65, Abbau von 500000 Beamtenstellen. Der Premier von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy sei für dessen Versagen mitverantwortlich. Ausserdem wolle Fillon via Moskau mit dem syrischen Gewaltherrscher Bashar al-Assad verhandeln. Der russische Präsident Wladimir Putin nannte Fillon am Mittwoch wie als Echo eine «aufrechte Person».

Fillon, der vor der Stichwahl an diesem Sonntag in einer bedeutend komfortableren Ausgangslage ist, reagierte zuerst beschwichtigend. Doch schon doppelte Juppé nach: Er warf seinem Gegner vor, er stehe katholischen Traditionalisten nahe und nehme eine unklare Haltung gegenüber der Abtreibung ein.

Juppé drängt Fillon ­­in die rechte Ecke

Damit brachte Juppé ein Reizwort in die Debatte ein, das im lai­zistischen und zugleich urkatholischen Frankreich sogleich die Leidenschaften weckte. Fillon hatte vor Wählern erklärt, er könne die Abtreibung aus philosophischen Gründen und wegen seines Glaubens nicht als «Grundrecht» anerkennen; als Politiker wolle er allerdings nicht an den Gesetzen rütteln.

Juppé konterte, für ihn sei die Abtreibung durchaus ein Grundrecht. Fillon verlor darauf erstmals die Fassung: «Ich hätte nie gedacht, dass mein Freund Alain Juppé so tief fallen könnte», sagte er, um zu beteuern, er habe in dreissig Jahren in der Politik nie gegen die Abtreibung Stellung bezogen. Er wisse sehr genau zu unterscheiden zwischen seinen persönlichen Überzeugungen und seinem politischen Handeln, erklärte Fillon.

Juppé ging aber schon einen Schritt weiter. Während er selbst auf eine «offene Rechte und die Mitte» setze, erklärte er am Radio, sei es wohl kein Zufall, dass Fillon auch die Unterstützung «rechtsextremer» Kreise erhalte. Gemeint sind Dissidenten des Front National (FN) wie Jacques Bompard, Aymeric Chauprade und Carl Lang, die derzeit wie so viele zum plötzlich chancenreichsten Präsidentschaftskandidaten überlaufen. Fillon erklärte, er sei ein kompromissloser Gegner der extremen Rechten und habe sie stets bekämpft; sein Reformprogramm sei nicht zuletzt dazu da, um ihre Machtergreifung bei den Präsidentschaftswahlen von Mai 2017 zu verhindern. Ihm eine Nähe zu diesen Ideen zu unterstellen, sei eine «intellektuelle Unredlichkeit».

Die FN-Abgeordnete Marion Maréchal-Le Pen erklärte ihrerseits, Fillon sei «seit dreissig Jahren ein Gegner des Front National und noch einer von wenigen, die sich weigern, mir in der Nationalversammlung die Hand zu schütteln».

Das konservative Lager ist beunruhigt

Innerhalb des konservativen Lagers wächst die Kritik an Juppé, der mit seinen Attacken gegen einen Parteifreund die Wahlchancen der ganzen Rechten schmälere. In einem Aufruf mahnen ihn 215 Senatoren und Abgeordnete der «Républicains» und der politischen Mitte zu einem «respektvollen» Verhalten. In Medienkommentaren taucht wieder das alte Bonmot auf, die französischen Konservativen seien die «dümmste Rechte der Welt».