Pontifikat mit Hindernissen

Analyse zu den Turbulenzen im Vatikan

Dominik Straub, Rom
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Die beiden jüngsten Personalentscheide des Papstes werden von Vatikanexperten unterschiedlich interpretiert. Für die Optimisten sind sie der Beleg dafür, dass sich Franziskus nicht auf der Nase herumtanzen lässt und durchgreift, wenn es ihm – wie im Fall des deutschen Kardinals Müller – zu viel wird an Illoyalität. Die Pessimisten werten die Fälle Pell und Müller dagegen als Anzeichen dafür, dass der Papst mit seinen Reformen zu scheitern drohe und dass es um den 80-jährigen Argentinier allmählich einsam werde in der Kurie.

Fest steht, dass die Nicht­bestätigung des Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, einem Paukenschlag gleichkommt. Dasselbe ist in der Geschichte dieser fast 500-jährigen Institution erst zweimal vorgekommen (in den Jahren 1716 und 1882), und in diesen Fällen waren die Amts­inhaber alt und krank gewesen. Der deutsche Kardinal Müller ist mit seinen 69 Jahren für vatikanische Verhältnisse noch ge­radezu jung und ausserdem bei bester Gesundheit. Die Nicht­bestätigung im Amt kommt einer fristlosen Entlassung gleich und trägt eindeutig die Züge einer Strafaktion durch Papst Franziskus. Müller, der noch von Papst Benedikt XVI. zum Präfekten der Glaubenskongregation ernannt worden war, ist ein konservativer Hard­liner, der in den letzten Monaten offen Kritik an Franziskus geübt hatte. Ein besonderer Dorn im Auge des Glaubenshüters war das post­synodale päpstliche Schreiben «Amoris laetitia» gewesen, in welchem der Papst im vergangenen Jahr die Möglichkeit erwähnte, dass es geschiedenen und wiederverheirateten Menschen unter gewissen Umständen erlaubt sein solle, an der Kommunion teil­zunehmen. Müller unterstellte Franziskus, er wolle die Unauflöslichkeit der Ehe in Frage stellen. Der Deutsche ist zum Sprachrohr der konservativen Fraktion geworden, die dog­matische Strenge statt Barm­herzigkeit fordert.

Die Glaubenskongregation ist nicht nur eine der ältesten, sondern auch eine der wichtigsten Behörden des Kirchenstaats. Unter anderem ist sie – oder wäre sie – auch federführend bei der Bewältigung des Skandals um sexuelle Missbräuche durch Priester. Müller hat sich aber bei der Aufarbeitung der Affäre nicht durch besonderen Eifer hervorgetan. So hatte er noch im Februar den Vorwurf systematischer Vertuschung von Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche schlichtweg zurückgewiesen. Ein Mitglied der päpstlichen Kommission zum Schutz von Kindern, selber ein Missbrauchsopfer, beschuldigte den Glaubenspräfekten sogar, die Arbeit der Kommission zu behindern. Das Problem ist bloss: Auch dem von Papst Franziskus zum Nachfolger Müllers erkorene Spanier Luis Ladaria Ferrer wird vorgeworfen, einen Missbrauchsfall vertuscht zu haben. Die Berufung Ferrers ist umso unverständlicher, als der letzte Fall eines vatikanischen Spitzenbeamten, dem ähnliche Vorwürfe gemacht werden, erst vor wenigen Tagen Schlagzeilen gemacht hatte: Gegen George Pell, den mächtigen Finanzchef des Kirchenstaats, ist in Australien Anklage erhoben worden. In der Folge wurde er vom Papst «beurlaubt», um sich in seiner Heimat gegen die Anschuldigungen verteidigen zu können. Auch bei der Berufung Pells durch den Papst vor drei Jahren waren die gegen ihn erhobenen Vorwürfe längst allgemein bekannt gewesen.

Pell war von Franziskus hauptsächlich wegen seiner Durchsetzungskraft zum Chef der Finanzen gemacht worden: Um Licht in die intrans­parenten Kuriengeschäfte zu bringen, brauchte der Papst einen «Mann fürs Grobe». Doch Pells Ernennung wurde zum Bumerang, nicht nur wegen der Anklage im Zusammenhang mit den Missbräuchen: Der Australier pflegte von Beginn weg einen autoritären Führungsstil und schoss sich einseitig auf die italienischen Kurienmitglieder ein, die er hauptsächlich für den finanziellen Sumpf im Vatikan verantwortlich machte. Auf diese Weise brachte Pell viele hohe Prälaten gegen sich und den Papst auf, die gegenüber den Reformen Franziskus’ positiv eingestellt waren.

Es bleibt somit die Momentaufnahme eines Pontifikats, das sein Gleichgewicht auch vier Jahre nach dem Konklave noch nicht gefunden hat. Die immense Popularität von Papst Franziskus bei den Gläubigen und sein hohes Ansehen auf internationaler Ebene kontrastiert innerhalb der vatikanischen Mauern mit anhaltenden Problemen. Diese Schwierigkeiten äussern sich auch in nebensächlichen Dingen. So setze sich der Papst im Speisesaal des vatikanischen Pilgerheims Santa Marta zum Essen nicht mehr wie früher an einen Tisch in der Mitte, sondern er bevorzugt neuerdings einen Platz etwas abseits, berichtete der «Corriere della Sera» diese Woche. Und an seinem Tisch sässen nur noch seine engsten Vertrauten und Mitarbeiter.

Dominik Straub, Rom

Korrespondent