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Sexueller Missbrauch in der Kirche: Der Pontifex übt Selbstkritik, lässt aber konkrete Taten vermissen

Papst Franziskus verspricht schon länger eine «Null-Toleranz-Politik» gegenüber Priestern, die sich des sexuellen Missbrauchs oder dessen Vertuschung schuldig gemacht haben. In der Praxis geht er nur zögerlich vor.
Dominik Straub, Rom
Papst Franziskus grüsst Gläubige vom Balkon seines Büros im Vatikan. (Bild: Giuseppe Lami/EPA; 19. August 2018)

Papst Franziskus grüsst Gläubige vom Balkon seines Büros im Vatikan. (Bild: Giuseppe Lami/EPA; 19. August 2018)

Angesichts des Ausmasses und der Ungeheuerlichkeit des Missbrauchsskandals innerhalb der der Diözesen des US-Bundesstaats Pennsylvania hat sich der Papst am Montag mit starken Worten an die Gläubigen gewendet. In einem «Brief an das Volk Gottes» sprach das katholische Kirchenoberhaupt von einem «Verbrechen, das tiefe Wunden des Schmerzes und der Ohnmacht erzeugt» und davon, dass diese Wunden nie verjährten. Gleichzeitig übte Franziskus Selbstkritik: «Mit Scham und Reue geben wir als Gemeinschaft der Kirche zu, dass wir nicht dort gestanden haben, wo wir eigentlich hätten stehen sollen, und dass wir nicht rechtzeitig gehandelt haben, als wir den Umfang und die Schwere des Schadens erkannten, der sich in so vielen Menschenleben auswirkte. Wir haben die Kleinen vernachlässigt und allein gelassen.»

Die päpstliche Selbstkritik ist leider durchaus berechtigt. Zwar hatte Franziskus schon kurz nach seiner Wahl zum Papst im Frühjahr 2013 angekündigt, die bereits von seinem Vorgänger Benedikt XVI. eingeleitete Politik der «Null-Toleranz» gegenüber dem sexuellen Missbrauch durch Kleriker in aller Entschlossenheit fortzusetzen. In der Praxis ist aber wenig passiert: Die vom Pontifex angeprangerte «anomale Verständnisweise von Autorität in der Kirche» und die Vertuschungskultur in zahlreichen Diözesen konnte fortbestehen. Der Grund für die zögerliche Aufarbeitung und Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs sind für einmal nicht konservative oder pädophile Seilschaften in der Kurie von Rom, welche griffige Massnahmen verhindert haben. Das Problem ist der Papst selber.

Eine Kommission, die kaum je tagt

Zwar hat Franziskus unter anderem eine Kommission eingesetzt, die Vorschläge zum Schutz von Kindern ausarbeiten sollte; gleichzeitig hat er die Schaffung eines Sondertribunals versprochen, das Geistliche im Fall von Vertuschung zur Rechenschaft ziehen soll. Doch die Kommission hat in den ersten vier Jahren kaum je getagt. Zwei ihrer Mitglieder, die in ihrer Jugend selber Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester geworden waren, sind ausgetreten. Sie werfen der Kommission Untätigkeit vor. Und auf die Schaffung eines Sondertribunals zur Verfolgung von fehlbaren Priestern und von Bischöfen und Kardinälen, die sich der Vertuschung schuldig gemacht haben, wartet man bis heute. «Bei den meisten der angekündigten Massnahmen handelt es sich um Lippenbekenntnisse», erklärt der italienische Vatikanexperte Emiliano Fittipaldi, der im vergangenen Jahr das Buch «Lussuria» («Wollust») veröffentlichte, in welchem er sich mit dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche beschäftigte.

Fittipaldi wies anhand von Gerichtsakten, Briefen und lokalen Zeitungsberichten nach, dass die zuständige Glaubenskongregation in vielen Fällen weiterhin ihre Zusammenarbeit mit den zivilen Ermittlungsbehörden verweigert und interne Dokumente unter Verschluss hält. Und nur allzu oft würden Priester, die sich an Minderjährigen vergangen haben, auch weiterhin bloss versetzt statt exkommuniziert und gerichtlich bestraft.

Unter Franziskus haben diverse Bischöfe und Kardinäle Karriere gemacht, die verdächtigt werden, sexuellen Missbrauch vertuscht oder gar selber daran beteiligt gewesen zu sein. Das eklatanteste Beispiel dafür ist der australische Kardinal George Pell, den Franziskus zum Finanzchef des Vatikans ernannt hatte. Pell musste sein Amt erst vor kurzem «auf Eis legen», um sich in seiner Heimat einem Strafprozess zu stellen. Nach wie vor müssen hohe Kleriker auch bei begründetem Verdacht, Missbrauch begangen oder vertuscht zu haben, nicht zwangsläufig mit einer Suspendierung rechnen, bis ihre Schuld oder Unschuld gerichtlich geklärt ist. Dies zeigt auch der Fall von Kardinal Ricardo Ezzati Andrello, Erzbischof von Santiago de Chile. Trotz staatlicher Ermittlungen ist er uneingeschränkt im Amt.

«Das ist alles Verleumdung»

Dass der Papst selber nicht gegen den Reflex gefeit ist, mutmassliche Täter zu schützen, verriet er bei seiner Südamerika-Reise im Januar. Franziskus hatte gegenüber einer Journalistin Vorwürfe, wonach Bischof Juan Barros aus Chile einen verurteilten Kinderschänder geschützt habe, in schroffen Worten zurückgewiesen: «Das ist alles Verleumdung, ist das klar?» Für eine Mitwisserschaft des Bischofs gebe es «nicht den geringsten Beweis», hatte der Papst betont. Die Äusserung des Pontifex hatte scharfe Kritik ausgelöst – auch innerhalb des Vatikans. In der Folge entschuldigte sich Franziskus: «Wenn der Papst sagt, bringt mir Beweise, dann ist das eine Ohrfeige für die Opfer.» Er sei sich bewusst, dass die meisten Missbrauchsopfer keine Beweise für das Erlittene beibringen könnten oder sich schämten, diese offenzulegen.

Obwohl die Abscheu des Papstes über den sexuellen Missbrauch glaubwürdig ist, sind unter ihm innerhalb der Kirche keine neuen Strukturen geschaffen worden, die wirklich unabhängige Untersuchungen garantieren würden. In den Diözesen ist nach wie vor der Bischof zuständig, im Vatikan ist es die Glaubenskongregation. Gegenüber dem Berliner «Tagesspiegel» erklärte der päpstliche Anti-Missbrauchs-Experte Hans Zollner letzte Woche, dass der Aufklärungswille in der Glaubenskongregation zwar durchaus vorhanden sei. Aber angesichts der Fülle und Komplexität der Fälle sei deren Personalausstattung «völlig ungenügend». Ausserdem brauche es eine Verfahrensbeschleunigung sowie eine kirchliche «Konkretisierung der Straftatbestände».

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