Polizist in Chicago unter Mordanklage vor Gericht

CHICAGO. Erstmals in der Geschichte muss sich ein Polizist in Chicago wegen Mordes verantworten. Die Anklage besänftigt die Wut über den Tod des 17jährigen schwarzen Laquan McDonald jedoch nicht.

Thomas Spang
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Demonstrant in Chicago: «Das ganze System ist schuldig.» (Bild: ap/Paul Beaty)

Demonstrant in Chicago: «Das ganze System ist schuldig.» (Bild: ap/Paul Beaty)

CHICAGO. Erstmals in der Geschichte muss sich ein Polizist in Chicago wegen Mordes verantworten. Die Anklage besänftigt die Wut über den Tod des 17jährigen schwarzen Laquan McDonald jedoch nicht.

«16 Schüsse»

Gespenstisch hallen die Rufe «16 Schüsse» durch die Strassenschluchten von Downtown Chicago. Der nächtliche Schauplatz eines Aufmarschs empörter Bürger, die gegen einen Fall schockierender Polizeigewalt demonstrieren. Dass es weitgehend friedlich blieb, dürfte dem Appell der McDonald-Familie mit zu verdanken sein, im Namen ihres erschossenen Sohnes keine Gewalt auszuüben. Und vielleicht auch der Mordanklage gegen Jason Van Dyke, der seit 2001 im Polizeidienst steht.

«Was hat so lange gedauert», drückt einer der jungen Demonstranten der «Black Lives Matter»-Bewegung seinen Zorn über die aus seiner Sicht ewig langen Ermittlungen aus. Zumal das am Dienstagabend auf richterliche Anweisung veröffentlichte Dienst-Video der Polizei ziemlich eindeutig festhält, was sich am 20. Oktober 2014 zugetragen hat.

Das Magazin leer geschossen

Van Dyke kam in seinem Streifenwagen an Tatort, um einen Verdächtigen zu stellen, der angeblich mit einem Messer versucht hatte, Autos aufzubrechen.

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits auch andere Polizisten vor Ort. Deren Kamera zeigt, wie Van Dyke aus dem Wagen steigt, während sich der junge Schwarze von ihm wegbewegt. Der Polizist schisst innert wenigen Sekunden das Magazin seiner Dienstwaffe leer. Der 17jährige Laquan wird laut Obduktionsbericht von sechzehn Kugeln getroffen. Die meisten trafen den jungen Mann von hinten und einige noch, als er bereits auf dem Asphalt lag.

Das Misstrauen bleibt

«Er fürchtete um sein Leben», verteidigt der Anwalt des Polizisten seinen Mandanten, der seit Dienstagabend in Untersuchungshaft sitzt. Diese Version wird nicht nur von den Demonstranten als Schutzbehauptung verworfen, sondern auch von Staatsanwältin Anita Alvarez. «Er hat sein Amt missbraucht», erklärte die Chefanklägerin von Chicago. «Ich denke nicht, dass in diesem Fall der Einsatz von Gewalt notwendig war.» Dass sich Van Dyke nun als erster Polizist in der Geschichte der drittgrössten US-Stadt wegen Mordes verantworten muss, reicht nicht aus, das Misstrauen der schwarzen Bevölkerung zu überwinden. Hatte die Stadt doch vorher versucht, den Fall zu vertuschen.

Fünf Millionen Schmerzensgeld

Chicago zahlte den Angehörigen McDonalds freiwillig fünf Millionen Dollar. Kein ungewöhnlicher Vorgang in einer Stadt, die nach Schätzungen von Bürgerrechtlern in den vergangen zehn Jahren etwa 500 Millionen Dollar an Angehörige der Opfer von Polizeigewalt zahlte.