Polizeigewalt
Kann dieser Mordprozess Amerika heilen? George Floyds Mörder drohen 40 Jahre Gefängnis

Heute beginnt das Gerichtsverfahren gegen den Polizisten, der George Floyd getötet hat. Die Angst vor erneuten Ausschreitungen ist gewaltig.

Renzo Ruf aus Washington
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Demonstranten gingen bereits gestern auf die Strasse. Der Druck auf Richter und Geschworene ist riesig.

Demonstranten gingen bereits gestern auf die Strasse. Der Druck auf Richter und Geschworene ist riesig.

Bild: AP (Minneapolis, 7. März 2021)

Am Anfang stand ein Notruf. «Jemand kam in unser Geschäft und hat mit Falschgeld bezahlen wollen. Jetzt sitzt er draussen in seinem Auto», sagte ein nervöser Angestellter des Supermarktes Cup Foods in der Stadt Minneapolis am 25. Mai 2020. Der Falschgeldzahler, ein grossgewachsener Afroamerikaner, sei «ausser Kontrolle» und «komplett betrunken».

Der Rest ist bekannt, auch dank der schrecklichen Filmaufnahmen, die Augenzeugen mit ihren Smartphones gemacht haben. George Floyd, dessen Name längst zu einem Synonym für die Polizeibrutalität in den Vereinigten Staaten geworden ist, wehrte sich gegen seine Festnahme und sagte den anrückenden Beamten, er fühle sich nicht wohl – auch weil er kürzlich an Covid-19 erkrankt sei. Inzwischen weiss man, dass der 46-Jährige Floyd auch unter Drogeneinfluss stand und an einer Herzkrankheit litt.

Derek Chauvin drohen 40 Jahre Haft

Zehn Monate nach dem brutalen Vorfall beginnt jetzt die juristische Aufarbeitung der Umstände, die zum brutalen Tod von George Floyd geführt hatten: Heute geht der Prozess gegen den Hauptangeklagten Derek Chauvin los. Er ist der erste der vier Polizisten, die sich vor Gericht verantworten muss. Der Vorwurf lautet auf Mord. Chauvin drohen bei einer Verurteilung bis zu 40 Jahre Haft. Mit einem Urteil ist frühestens im April zu rechnen. Den drei weiteren Angeklagten Ex-Polizisten wird Beihilfe zum Mord vorgeworfen. Auch ihnen drohen jeweils langjährige Haftstrafen.

Der genaue Tathergang, der zu Floyds Tod geführt hat, wird die Richter und Geschworenen über Wochen beschäftigen. Klar ist: Um 20.20 Uhr an diesem verhängnisvollen Abend platzte dem 44-jährigen Polizisten Derek Chauvin, dem dienstältesten der vier Ordnungshüter am Tatort, der Kragen. Der weisse Polizist drückte sein Knie gegen das Genick des am Boden liegenden Floyd. «Ich kann nicht atmen, Mann», stöhnte der 1.93-Meter-Hühne, «bitte». Doch Chauvin liess sich nicht beirren. 8 Minuten und 46 Sekunden drückte er den angeblichen Kleinkriminellen brutal zu Boden. Gegen 21.25 Uhr war George Floyd tot.

Bereits am Tag darauf war sein Name in aller Munde. Sein Tod wurde zuerst in Minneapolis, dann im ganzen Land und schliesslich rund um die Welt zum Katalysator für Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt. In einigen Städten eskalierten die Proteste, mit negativen Folgen für den politischen Dialog im Land.

Prügelnde Polizisten werden selten verurteilt

Chauvins Verteidiger werden auf Freispruch plädieren. Als Ordnungshüter sei Chauvin berechtigt gewesen, angemessene Gewalt gegen Floyd anzuwenden, argumentierte sein Anwalt Eric Nelson vor einigen Monaten. In der Tat geniessen amerikanische Polizisten, auch dank einem Grundsatzurteil des Obersten Gerichtes im Jahr 1982, eine gewisse Immunität bei der Ausübung ihres Berufes. Sie können zwar zivilrechtlich belangt werden, strafrechtliche Verfahren im Zusammenhang mit Polizeibrutalität sind in Amerika aber eine Seltenheit, wie ein Blick in die Geschichte zeigt.

Derek Chauvin, der Hauptangeklagte im Mordfall George Floyd.

Derek Chauvin, der Hauptangeklagte im Mordfall George Floyd.

AP

Chauvin, der von 2001 bis 2020 für das Minneapolis Police Department arbeitete, war intern kein unbeschriebenes Blatt. Immer wieder fiel er negativ für seine Aggressivität auf. In einem lokalen Nachtklub für Latinos, in dem Chauvin (notabene zur gleichen Zeit wie George Floyd) als privater Sicherheitsmann arbeitete, fiel er zudem für seinen rauen Umgangston und sein konfrontatives Vorgehen auf.

Live-Übertragung – wie bei O.J. Simpson

Aufgrund des grossen Interesses am Verfahren entschied sich der vorsitzende Richter dazu, ausnahmsweise Kameras im Gerichtssaal zuzulassen. Der Sender Court TV, der 1995 mit der Übertragung des Mordprozesses gegen den ehemaligen Football-Star O. J. Simpson bekannt wurde, hat versprochen, das Verfahren live zu übertragen – und wird damit wohl einen Quotenhit landen.

Denn Amerika schaut gebannt auf den Prozess, insbesondere auch die Stadt Minneapolis. Laut der «New York Times» befürchten die lokalen Behörden im Fall eines milden Urteils für Derek Chauvin schwere Ausschreitungen in der Stadt. Die Innenstadt ist bereits heute mit Spezialbarrikaden und Stacheldraht umstellt und gleicht einer Festung. Die Nationalgarde ist vor Ort im Einsatz. Die Angst vor einem erneuten Aufflammen der Proteste gegen Polizeigewalt ist gross. Noch grösser aber ist die Sorge um erneute Provokationen jener Gruppierungen, die vor zwei Monaten in der amerikanischen Hauptstadt Washington D.C. das Kapitol stürmten.