Polen streitet über seine Geschichte

Der gestrige internationale Holocaust-Gedenktag wurde überschattet von einer giftigen Debatte über die Bereicherung polnischer Bürger an der Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten.

Paul Flückiger
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warschau. Noch keiner hat den Essay gelesen, gestritten darüber wird trotzdem. Die polnische Übersetzung soll erst im März erscheinen, das Original in den USA gar erst im August. Die Rede ist von Jan T. Gross' neuem Buch, das übersetzt den Titel «Goldene Ernte» tragen wird.

Schon wiederholt provoziert

Der amerikanische Soziologe polnisch-jüdischer Abstammung beschreibt darin eines der traurigsten Kapitel der unmittelbaren Nachkriegszeit in Polen. Kaum hatten die Sowjets 1945 die deutschen Konzentrationslager befreit, machten sich Bauern aus den umliegenden Weilern daran, die Massengräber auf der Suche nach den letzten Habseligkeiten der ermordeten Juden zu durchsuchen. Diese Grabschändungen sind in polnischen Fachkreisen zwar seit Jahren bekannt, doch öffentlich diskutiert wurden sie noch nie.

Gross hat mit seinen Publikationen in Polen bereits zweimal wichtige Geschichtsdebatten ausgelöst: 2001 mit seinem Büchlein «Nachbarn» über das Judenpogrom von Jedwabne, fünf Jahre später mit «Angst» über das Judenpogrom von Kielce 1946 sowie den weitverbreiteten Antisemitismus nach dem Krieg.

Im neuen Essay beschreibt Gross nicht nur die jahrelange «Goldgräberstimmung» rund um die ehemaligen Vernichtungslager Treblinka, Auschwitz-Birkenau, Majdanek und Belzec. Der scharfzüngige Publizist wirft auch einen Blick auf die oft gar nicht so selbstlosen polnischen Juden-Retter während des Zweiten Weltkriegs sowie auf den oft von zynischem Gewinnstreben geleiteten Handel zwischen polnischen Bauern, deutschem Wachpersonal und jüdischen KZ-Häftlingen.

Konservativer Aufschrei

Dass solches Forschungsinteresse dem Soziologen in Polen nicht nur Applaus einbringen würde, war von Anfang an klar. In der Öffentlichkeit werden alte Gräben wieder aufgerissen. Während die führende Tageszeitung «Gazeta Wyborcza» bereits vor drei Jahren über die «Goldgräber» von Treblinka schrieb, stürzen sich nun vor allem die konservativen, dem Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski nahestehenden Medien und Internetseiten mit einem Aufschrei auf die unveröffentlichte Publikation. Die mit dem ultrakatholischen, antisemitischen Radio Maryja verbundene Tageszeitung «Nasz Dziennik» nennt das Buch ein Machwerk des «Märchen-Erzählers» Jan T. Gross.

Grabschändungen in der Nachbarschaft von ehemaligen Konzentrationslagern seien weit verbreitet gewesen, soll Gross laut dem Politmagazin «Wprost» in dem Essay schreiben. «Das Phänomen war so weit verbreitet, dass solche Taten als eine Art Normalität galten.» So dürfe keiner über ihr Land schreiben, findet eine Gruppe rechtsnational gesinnter Polen und ruft im Internet zu einem Boykott aller Publikationen des katholisch-liberalen Krakauer Gross-Verlegers «Znak» auf. Wenn das Büchlein erst auf dem Markt ist, steht Polen eine noch hitzigere und giftigere Debatte bevor.

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