POLEN: Lech Walesas Sockel wankt

Der Arbeiterheld und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa steht immer stärker unter Druck. Eine Handschriftenanalyse soll seine Mitarbeit im kommunistischen Geheimdienst beweisen.

Paul Flückiger/Warschau
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Paul Flückiger/Warschau

Eine seit Monaten erwartete Pressekonferenz des Instituts für Nationales Gedenken (IPN) hat dunkle Schatten auf die Biographie des Arbeitshelden Lech Walesa geworfen. Das IPN ist die polnische Behörde, die für die Archivierung und Verwaltung von Dokumenten über Vergehen zuständig ist, die im Zweiten Weltkrieg von deutschen und sowjetischen Besatzern begangen wurden. Laut dem Institut hat eine graphologische Expertenanalyse im letzten Jahr aufgetauchter Geheimdienstdokumente ergeben, dass viele Akten von Lech Walesa unterschrieben worden seien. «Dies steht zweifelsfrei fest», sagte IPN-Ermittler Andrzej Pozorski gestern in Warschau. «Eine handschriftliche Verpflichtungserklärung vom 21. Dezember 1970 war ganz von Lech Walesa verfasst worden», bekräftigte Pozorski. Die «Bolek-Akte» war dem IPN Anfang vorigen Jahres unter geheimnisvollen Umständen von der Witwe des kommunistischen Innenministers General Czeslaw Kiszczak übergeben worden.

Walesa weist Vorwürfe von sich

Damit wankt Walesas Heldensockel bedenklich. Walesa bezeichnete sich gestern weiterhin als unschuldig. Allerdings hatte er früher selbst eine Geheimdienstmitarbeit eingestanden, war dabei jedoch immer bemüht, diese als erzwungen – sowie auch als für den Geheimdienst (SB) völlig unnütz – darzustellen. «Alle haben unterschrieben, auch ich tat das», sagte er im polnischen Staatsfernsehen. «Ich hatte mich dafür entschieden, weil ich überzeugt war, damit mehr zu schützen als zu schaden. Ich würde es wieder genauso machen», sagte er. In seiner 2008 veröffentlichten Autobiographie berichtete er von Papieren, die ihm Ende 1970 nach einem Verhör nach den blutigen Arbeiterunruhen in Danzig in der SB-Zelle unterbreitet worden seien: «Es waren fünf oder sieben Seiten, darunter das Verhörprotokoll.» Er habe nicht lange überlegt und einfach alles unterschrieben. «Das war ein Fehler», schrieb er 2008. Nun liess er durch seinen Anwalt ausrichten, man wolle die IPN-Experten erst befragen, denn die untersuchten Dokumente seien nicht eindeutig.

Der heute 73-jährige Walesa war vor 1980 als Danziger Streikführer ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit getreten. Nach sechs Jahren Dienst bei der polnischen Volksarmee arbeitete Walesa seit 1967 in der «Danziger Leninwerft». 1970 nahm er an dem blutig niedergeschlagenen Streik teil und bemühte sich ab 1978 im Untergrund um einen unabhängigen Gewerkschaftsbund im Danziger Raum. 1980 trotzte er der real-sozialistischen Regierung das Zugeständnis unabhängiger Gewerkschaften ab und wurde in der Folge an die Spitze der landesweiten Gewerkschaft Solidarnosc gewählt. Nach der Ausrufung des Kriegsrechts im Dezember 1981 wurde er für zwei Jahre interniert. 1989 führte der Friedensnobelpreisträger von 1983 die Oppositionsdelegation bei den «Gesprächen am runden Tisch», die im Sommer 1989 zu den ersten halbfreien Wahlen im Ostblock führten.

Von 1990 bis 1995 amtete Lech Walesa als Staatspräsident. Sein polarisierender Stil kostete ihn indes die Wiederwahl. Auch zerstritt er sich damals mit seinem Kanzleichef Jaroslaw Kaczynski, dem heute starken Mann in Polen.

Kaczynski wirft seinem früheren Mentor seitdem heimliche Absprachen mit den früheren kommunistischen Machthabern vor. 1992 führte Kaczynski noch Protestzüge unter dem Motto «Walesa nach Moskau!» an, 25 Jahre später hat der Chef der rechtsnationalen Regierungspartei «Recht und Gerechtigkeit» (PiS) gesittetere Methoden für seine Rache gefunden. Allerdings scheinen ihm die neu aufgefundenen Dokumente recht zu geben – zumindest wenn von Kaczynskis Wohlwollen abhängige staatliche Institutionen sie untersuchen.