POLEN: Ausländerfeindliche Proteste spitzen sich zu

Bei einer Messerstecherei vor einem Kebabladen stirbt ein Pole. Ein tunesischer Koch befindet sich in Untersuchungshaft. Übergriffe auf Kebabläden häufen sich – und die Regierung giesst zusätzlich Öl ins Feuer.

Paul Flückiger/Danzig
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«Polen den Polen!» und «Polen ohne Jihad!», schreien ein paar Dutzend Kehlen und ballen die Faust. Am übergrossen Papst-Johannes-Paul-II.-Platz in Elk, einer Stadt im Nordosten des Landes, stehen sie an diesem Samstag fast etwas verloren in der bitterkalten Mittagssonne und lauschen den Brandreden von rechtsextremen Mitgliedern des National-Radikalen Lagers (ONR). Zu den Protesten gegen Ausländer hatte die neofaschistische Splitterpartei zusammen mit der rechtsextremen Allpolnischen Jugend aufgerufen.

Auf Facebook wurden vollmundig Hunderte Teilnehmer angekündigt. Am Ende versammelten sich aber nur ein paar Dutzend Rechtsradikale vor der Bühne mit den polnischen Flaggen. Nach ein paar weiteren Schlachtrufen zogen sie vor den Döner-Imbiss Prince Kebab, der in der Neujahresnacht zerstört wurde. Dort legten sie Blumen für Daniel R. hin. Der junge Pole stahl in der Silvesternacht beim Kebabladen zwei Getränkeflaschen. Dies bezahlte er letztlich mit seinem Leben. Bei einem Handgemenge vor dem Imbiss wurde er mit einem Küchenmesser tödlich verletzt. Ein tunesischer Koch sitzt seither wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft, ebenso der aus Algerien stammende Imbissbesitzer.

Zwei verletzte Polizisten, eine zerstörte Wohnung

Der tragische Vorfall führte zu gewalttätigen ausländerfeindlichen Krawallen in der 60000-Einwohner-Stadt in der Region ­Masuren. Dabei wurden zwei Polizisten leicht verletzt, zwei Kebab-Imbisse und eine Aus­länderwohnung zerstört. Die Polizei nahm bis gestern Mit­- tag in diesem Zusammenhang 31 Polen fest.

Die Region Masuren ist strukturschwach. Viele der oft jugendlichen Arbeitslosen hegen Sympathien für die ONR. Die aus­länderfeindliche Formation solidarisierte sich früh mit dem wütenden Mob von Elk. «Wir hätscheln den Islam nicht, sondern wir schlagen mit der Faust zu», sagte der lokale ONR-Chef Lukasz Banas in der letzten Woche. Gleichzeitig betonte er, Krawalle würden Daniel R. nicht wieder lebendig machen. Die Silvesternacht habe gezeigt, dass «Ausländer und Polen nicht friedlich zusammenleben» könnten, sagte Banas weiter. Wer damit genau gemeint ist, liess die ONR auch im Internet offen. Neben der heutigen polnischen Bevölkerungsmehrheit leben in Masuren immer noch ein paar wenige autochthone Deutsche sowie Tausende Ukrainer, die 1947 von Südostpolen an die russische Grenze zwangsumgesiedelt wurden.

Seit der tragischen Messerstecherei von Elk machen landesweit Übergriffe auf ausländische Kebab-Imbiss-Mitarbeiter Schule. Die regierungskritische Tageszeitung «Gazeta Wyborcza» vermeldete am Samstag mindestens fünf Angriffe seit Neujahr, betroffen davon sind durchaus nicht nur Muslime, sondern auch Hindus. Polen sei dennoch ein völlig sicheres Land, betont Mariusz Blaszczak. Der Innenminister der rechtsnationalen Kaczynski-Regierung goss selber noch Öl ins Feuer. Die Randalierer von Elk hätten «verständliche Sorgen», betonte das Mitglied der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) mehrmals. Die Bevölkerung sei nach den Terroranschlägen von Berlin, Nizza und Paris zu Recht beunruhigt und der Regierungsentscheid, keine muslimischen Flüchtlinge aufzunehmen, richtig, sagte er. Die PiS hat ihren überragenden Wahlsieg vom Herbst 2015 einer zynischen Kampagne auf dem Rücken der Flüchtlinge zu verdanken. Seitdem schürt die Regierung die Angst vor Ausländern vor allem aus dem arabischen Raum.

Die am Samstag in Elk aufgebotenen Hundertschaften der Polizei mussten allerdings diesmal im Unterschied zur Neujahrsnacht nicht einschreiten. Die ONR-Anhänger hielten sich zurück – die wenigen Ausländer trauen sich seit Jahresbeginn sowieso kaum mehr auf die Strasse.

Paul Flückiger/Danzig

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