Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Polarisierung ohne Mitte

Rolf App

Parteien Am Abend zuvor ist Andreas Rödder noch in der ARD gesessen, in Anne Wills Talkshow, und dort hart mit dem hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier aneinandergeraten. Tags darauf spricht der an der Universität Mainz lehrende Historiker am Rande des St. Galler Montagsforums von der «Arroganz der Macht», die sich da gezeigt habe. Und die ihn zu sehr deutlichen Worten treibt, obwohl Rödder wie Bouffier der CDU angehört – und sich sogar im Schattenkabinett der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentenkandidatin Julia Klöckner um ein politisches Amt beworben hat. «Die bürgerliche Mitte ist viel zu sprachlos», sagt er. «Sie will nicht wahrhaben, dass da im vorpolitischen Raum Politik begrenzt oder entgrenzt wird.» Hauptsache, man hat die Macht. Dabei aber stellt Rödder einen «eklatanten Vertrauensverlust in den Staat» fest.

Doch auch die deutsche Sozialdemokratie ist für Rödder eine «tragische ­Erscheinung»: «Sie hat mit der Agenda 2010 die grösste Sozialstaatsreform der jüngeren Geschichte durchgesetzt, aber es nicht geschafft, daraus die grosse Erfolgsgeschichte zu machen, die sie hätte machen können.» Wobei er, immerhin, in das neue sozialdemokratische Spitzenduo Andrea Nahles und Olaf Scholz einige Hoffnung setzt. Warum übt Rödder so deutlich Kritik gerade an der bürgerlichen CDU? Das hat viel zu tun mit jenen Entwicklungen, die er schon vor zwei Jahren in seinem Buch «21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart» (Verlag C. H. Beck) skizziert hat und die sich mit dem Aufkommen des Populismus noch einmal akzentuiert haben. Da ist, zum einen, das, was Rödder die «Kultur des Regenbogens» nennt. Es geht dabei um «die programmatische Gleichstellung und den Ausgleich der Benachtei­ligung von Frauen, Behinderten, Homo- und Transsexuellen, Minderheiten und Randgruppen».

Die «Kultur des Regenbogens» und ihre Feinde

Diese an die Toleranz der übrigen Gesellschaft appellierende Kultur nun gebärde sich selber zunehmend intolerant. «Wir stecken mitten in einer kulturkämpferischen Ideologisierung», sagt Rödder und verweist etwa auf die Kunstdebatten der vergangenen Wochen.

Dagegen nun baut sich auf der anderen – der populistischen – Seite in Gestalt der «Alternativen für Deutschland» eine Gegenströmung auf, die, wie Rödder feststellt, «vom Ressentiment getragen wird». Sie greift auf, was den Menschen unter den Nägeln brennt, worum sich aber die bürgerliche Mitte zu wenig kümmert. Integrations- und Identitätsfragen etwa, oder auch die Frage, ob Deutschland seine Grenzen noch schützen könne.

So sehr er darauf hofft, dass die Parteien wieder zu Orten lebendiger Debatten über die zentralen politischen Fragen werden: Den Historiker Andreas Rödder erstaunt die aktuelle Polarisierung nicht. Seit 1968 sind immer wieder Emanzipationsbewegungen ins Autoritäre abgeglitten – und dann von einer Gegenbewegung eingegrenzt worden. Der Motor hinter all dem ist etwas zutiefst Menschliches: ein tiefes Bedürfnis nach Sinn und Sinnstiftung. «Das klassische Instrument zur Sinnstiftung ist ursprünglich die Religion gewesen. Im 19. Jahrhundert hat die Wissenschaft sie abgelöst, und am Ende des 20. Jahrhunderts ist es eine Art von globalem Humanitarismus.» An ein Ende kommt die Geschichte dieser Auseinandersetzungen nie, davon ist der Historiker überzeugt, der sich als Konservativen beschreibt. Und als Aristoteliker, was für ihn bedeutet: «Ich denke nicht von der Idee und vom abstrakten Modell her, sondern stütze mich auf Erfahrung und Alltagsvernunft.»

Erfahrung und Alltagsvernunft sagen ihm gerade, dass es nicht reicht, wenn Deutschland wieder eine handlungsfähige Regierung hat. Wer den Populismus bändigen will, muss schon mehr tun.

Rolf App

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.