Polarexpedition
Polarforscher Robert Falcon Scott: «Wir werden sterben wie Gentlemen»

Vor 100 Jahren, am 14.12.1911, setzte Roald Amundsen als erster Mensch einen Fuss auf den Südpol. Doch sein Erfolg wird bis heute überschattet vom tragischen Ende der konkurrierenden britischen Expedition Robert Falcon Scotts.

Christian Satorius
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Polarexpedition von Roald Amundsen und Robert Falcon Scott

Polarexpedition von Roald Amundsen und Robert Falcon Scott

Keystone
Am 14. Dezember 1911 erreichte Roald Amundsen mit seinem Team den Südpol – 35 Tage vor Robert Falcon Scott

Am 14. Dezember 1911 erreichte Roald Amundsen mit seinem Team den Südpol – 35 Tage vor Robert Falcon Scott

Keystone

Als der britische Marineoffizier Scott im Juni des Jahres 1910 an Bord des ehemaligen Walfängers «Terra Nova» aufbrach, den Südpol für das britische Empire zu erobern, ahnte er noch nicht, dass ihm bald ein Norweger seinen Platz in den Geschichtsbüchern streitig machen sollte.

Denn zuerst sah alles danach aus, als ob ein britischer Held als erster Mensch einen Fuss auf den letzten weissen Flecken der Landkarte setzen würde. Selbst sein späterer Kontrahent, der Norweger Roald Amundsen, wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er in wenigen Wochen ebenfalls Kurs auf den südlichsten Punkt der Erde nehmen würde: Eigentlich wollte er nämlich den Nordpol erkunden, erfuhr dann aber, dass bereits die US-amerikanischen Polarforscher Robert Edwin Peary und Frederick Cook darum stritten, wer von beiden den Nordpol nun als Erster bezwungen hatte. So verlegte Amundsen sein Vorhaben auf ein prestigeträchtigeres Projekt: die Eroberung des Südpols.

Hunde- gegen Motorschlitten

Ein Vierteljahr nach Scott, am 9. September 1910, brach der Erstbezwinger der Nord-West-Passage, Roald Amundsen, von Madeira aus ins Südpolarmeer auf, und zwar an Bord des legendären Dreimastschoners «Fram», des Schiffs Fridtjof Nansens, das eigens für diese Expedition mit einem Dieselmotor ausgerüstet wurde, als erstes Schiff der Welt überhaupt.

Am 12. Oktober 1910 liess Amundsen seinem britischen Konkurrenten ein Telegram zustellen, in dem er ihm mitteilt, ebenfalls Kurs auf den Südpol zu nehmen. Den Briten Scott trifft der Schlag. Der Expeditionsarzt Edward Adrian Wilson notierte in sein Tagebuch: «Scott ist in einem katastrophalen Zustand. Natürlich denkt er, dass Amundsen als Erster am Pol sein wird.»

Amundsen ist ein erfahrener Polarforscher, der bestens vorbereitet und ausgerüstet ist und nichts dem Zufall überlässt. Dennoch fürchtet er Scotts Geheimwaffe sehr: Der Brite setzt nämlich im Gegensatz zum Norweger nicht nur auf eine bewährtere und bekanntere Route zum Pol, sondern auch auf die neuste Technik: drei Motorschlitten. Die beiden Konkurrenten begegnen sich am 14. Februar 1911 auf Sichtweite am Schelfeisrand des Ross-Meeres. Doch der Norweger kann punkten: Die Briten werden Zeuge der flinken Hundeschlitten, als Amundsen mit seinen schnellsten Tieren Kurs auf die «Terra Nova» nimmt. Die Mannschaft ist begeistert und jubelt ihm sogar zu.

Scott hatte nur wenige Hunde

Scott hingegen hat aus Sorge, Hundeschlitten seien nicht leistungsfähig genug und könnten seiner Expedition «das Heroische» nehmen, nur ganz wenige dieser Tiere an Bord. Ein Fehler, wie sich zeigen sollte – und nicht der einzige. Schon beim Abladen vom Schiff bricht einer der schweren Motorschlitten durchs Eis und versinkt im südlichen Polarmeer. Die beiden verbliebenen Exemplare machen sich am 24. Oktober 1911 auf den Weg zum Pol. Doch schon nach nur 80 Kilometern ist Schluss: Einem der mit eineinhalb Tonnen beladenen Schlitten bricht die Achse, der andere fällt mit Motorschaden aus.

Als hätte er es geahnt, setzte der britische Offizier Scott seine ganze Hoffnung auf die 19 mandschurischen Ponys, die einst schon seinem grossen Vorbild Ernest Shackelton so gute Dienste erwiesen hatten. Zwar sind die Tiere grosse Kälte gewohnt, aber vor den eisigen Stürmen mussten selbst sie mit hohen Wällen aus Schnee geschützt werden. Ausserdem versanken die Ponys viel tiefer im Schnee als erwartet, was an ihren Kräften zehrte und sie abmagern liess. Das kostete Zeit und Energie.

Plumpudding zu Weihnachten

Am 24. November liess Scott das erste Pony erschiessen, am 9. Dezember folgten die letzten fünf. Nun hatte er nur noch die wenigen sibirischen Schlittenhunde, die seine Expedition zum Ziel führen konnten. Doch zwei Tage später, am 11. Dezember, schickte er sie zusammen mit fünf Norwegern des Teams zurück. «In den arktischen Regionen geht nichts über den ehrlichen Gebrauch der Beine», hatte er Jahre zuvor schon einmal verlauten lassen.

Die noch verbliebenen Männer mussten bei 20 Grad minus die schwer beladenen Schlitten mit den blossen Händen ziehen, und dies noch mehrere Dutzend Tage lang bis zum Pol. Henry Robertson Bowers hielt am 14. Dezember 1911 in seinem Tagebuch fest: «Der Schlitten bricht einem das Kreuz.» Die körperliche Verfassung der verbliebenen acht Männer verschlechterte sich. An Weihnachten gab es zwar Plumpudding und Rosinen. Laut Scott kam sogar so etwas wie Weihnachtsstimmung auf, aber in Wahrheit waren die Männer am Ende ihrer Kräfte angelangt.

Reiner Überlebenskampf

Am 3. Januar stellte Scott sein Pol-Team zusammen und schickte die übrigen Männer zurück. Längst aber war die Eroberung des Südpols für die Männer zum reinen Überlebenskampf geworden. Am 18. Januar 1912 erreicht Robert Falcon Scott zusammen mit seinen letzten vier Getreuen den Südpol. Doch zu ihrem grossen Entsetzen war Amundsen ihnen zuvorgekommen – um ganze 35 Tage. Am 14. Dezember 1911 hatte die Fram-Expedition den Südpol erreicht und die norwegische Fahne gehisst.

In nur 99 Tagen eilte der Norweger zum Pol – und wieder zurück, ganze 3000 Kilometer. Er setzte auf seine 100 grönländischen Schlittenhunde und startete mit seinem Team in der Bucht der Wale über 100 Kilometer näher am Pol als Scott. Die schweren Holzschlitten hatte er um ein Drittel ihres ursprünglichen Gewichtes abschleifen lassen. Dennoch sagte Amundsen über diesen Tag später: «Ich kann nicht behaupten, dass ich da vor dem Ziel meines Lebens stand.» Seine erfolgreiche Eroberung des Südpols war für immer überschattet vom tragischen Ende der konkurrierenden Briten.

Bittere Enttäuschung

Als Scott und seine Männer am 18. Januar 1912 am Pol stehen, sind sie bitter enttäuscht und am Ende ihrer Kräfte. Scott notiert noch am selben Abend in das Exeditionstagebuch: «Vor uns liegen ganze 1500 Kilometer schweren Schlittenziehens, lebt wohl, ihr Träume!» Schon zwei Tage zuvor hatte er den Aufzeichnungen die Sorge um sein Leben und das seiner Männer anvertraut: «Uns graut vor dem Rückweg!»

Die ersten 500 Kilometer kamen sie zwar noch recht gut voran, doch dann starb einer nach dem anderen. In einem Brief an Sir Edgar Speyer schrieb Scott am 16. März im Angesicht des Todes: «Wir werden sterben wie Gentlemen.» Noch in derselben Nacht verabschiedete sich der schwer mit Wundbrand infizierte Lawrence Oates inmitten eines Schneesturms von den anderen: «Ich werde ein wenig hinausgehen. Vielleicht bleibe ich eine Weile.» Er kehrt nie zurück.

Bittere Ironie des Schicksals

Die eisige Kälte und die extreme Unterernährung fordern schliesslich ihr letztes Opfer: Am 29. März des Jahres 1912 sterben die letzten drei Männer in ihrem Zelt, darunter Robert Falcon Scott. Nur 18 Kilometer trennen sie noch vom lebensrettenden Depot – nachdem sie schon über 1300 Kilometer Rückweg überwunden hatten. Die bittere Ironie des Schicksals: Ursprünglich hätte dieses Depot 50 Kilometer weiter südlich stehen sollen.

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