Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Piraterie und die Logik des Westens

Am Horn von Afrika bedrohen Seeräuber die Handelsrouten für Öl. Westliche Regierungen rufen nach militärischen Lösungen. Im Bürgerkrieg in Somalia war davon nie die Rede. Doch dieser Krieg schafft erst den rechtlosen Raum, in dem die Piraten nun ihren Geschäften nachgehen.
Walter Brehm
Siegesgewisser Sheikh Masoor, Chef der Al-Sahbaab-Miliz an einer Pressekonferenz vor Mogadiscio.

Siegesgewisser Sheikh Masoor, Chef der Al-Sahbaab-Miliz an einer Pressekonferenz vor Mogadiscio.

«Sie sind mehr als tausend Mann», schätzt Mustapha Alani, Direktor des Antiterrorismus-Zentrums «Gulf Research Centre» in Dubai. Er spricht von den Piraten, die entlang der somalischen Küste und im Golf von Aden ihr Unwesen treiben. «Gegeben hat es sie schon vor drei Jahren», ergänzt Alani, «aber damals waren sie nur etwa hundert.»

Sie sind in aller Munde, die modernen Seeräuber, die nicht mehr davor zurückschrecken, auch Supertanker mit Öl für Dutzende Millionen Dollar zu kapern. Ihre weltweite Medienpräsenz begründet sich erst in dieser Dreistigkeit.

Die Piraterie am Horn von Afrika ist aber gleich weit von Europa oder den USA entfernt wie das somalische Festland. Dort wird seit Jahren in einem endlosen Bürgerkrieg in schier unfassbaren Dimensionen gestorben und gehungert. Doch die Leiden somalischer Zivilisten finden längst nicht das Echo, welches den Piraten jetzt zuteil wird. Als hätte das eine mit dem anderen nichts zu tun.

Rückwärts laufende Zeit

In Somalia scheint sich die Zeit rückwärts zu bewegen. Nach 2006 stehen zum zweitenmal islamistische Milizen vor den Toren der Hauptstadt Mogadiscio. Vor zweieinhalb Jahren waren es die Kämpfer der «Union islamischer Gerichte», welche die Truppen der sogenannten Übergangsregierung überrannten. In dem Land, das seit dem Sturz des Diktators Siad Barre 1991 von rivalisierenden Clan-Chefs und ihren Milizen ausgeblutet wird, schien dies damals auf den ersten Blick nur eine weitere Episode in dem endlosen Drama zu sein.

2006 bestimmte längst ein anderes Datum und ein anderes Ereignis die weltpolitische Agenda: der 11. September 2001 und der jihadistische Terror der Al Qaida. Im von den USA angeführten globalen Krieg gegen den Terrorismus gab es keine Duldung mehr für eine islamistische Ordnungsmacht, die allzu sehr an die Taliban in Afghanistan erinnerte: rigide Islamisten, die nach der Macht griffen, vom Volk einzig deshalb gestützt, weil sie glaubhaft die Perspektive von öffentlicher Sicherheit personifizierten.

Zweiter «Afghanistan»-Irrtum

Sie mussten weg. Bevor sie eine neue Basis für jihadistischen Terror errichten konnten und bevor sich beweisen liess, dass sie dies auch wirklich im Sinn hatten. So viel Zeit war nicht mehr – mitten im Krieg gegen den Terrorismus.

Mit Rückendeckung der USA übernahmen im Winter 2006/ 2007 die Machthaber in Äthiopien die «Säuberung» Somalias. Die Aktion schien erfolgreich, war aber von der gleichen Illusion getragen wie der Sturz der Taliban in Afghanistan im Spätherbst 2001.

Der schnelle, fast kampflose Rückzug der «islamischen Gerichte» war ebenfalls nur Episode. Er führte zudem zu einer Verschärfung des Problems, das die USA gelöst zu haben meinten. Heute greifen nicht die Kämpfer der Union islamischer Gerichte, sondern die Miliz Al Shabaab (die Jungen) nach der Macht in Somalia: weit radikalere Islamisten als ihre Vorgänger. Plakatiert hat dies vergangene Woche die Steinigung eines 13jährigen Mädchens.

Das Elend der Somali

Im Bürgerkriegschaos in Somalia sind längst alle rechtsstaatlichen Strukturen untergegangen. Die Lage der Menschen im Land ist katastrophal: Seit Januar 2007 sind fast 10 000 Zivilisten von christlichen und moslemischen Kriegsherren getötet worden; über eine Million Somali leben als Vertriebene im eigenen Land; Hunderttausende sind ausser Landes geflohen. Und 43 Prozent der verbliebenen Bevölkerung sind heute direkt von internationaler Überlebenshilfe abhängig. Dieses Elend betrifft die USA und auch Europa nur scheinbar nicht. Denn der mörderische Kleinkrieg in Somalia schafft erst den rechtlosen Raum, in dem die somalischen Piraten und ihre internationalen Hintermänner ihren Geschäften nachgehen.

Europas plötzliche Militanz. . .

Plötzlich wächst in den europäischen Hauptstädten die Bereitschaft, schnellstmöglich Marineeinheiten zur Verfügung zu stellen, um den Piraten den Garaus zu machen. Nach der Kaperung des Öltankers «Sirius Star» erklärt sich Grossbritannien, das derzeit offen den Sinn des militärischen Engagements in Irak und Afghanistan debattiert, ohne langes Zögern bereit, die Führung einer europäischen Marine-Intervention zu übernehmen.

In Deutschland, wo während Wochen auch konservative Politiker die Verlängerung des Militäreinsatzes in Afghanistan in Frage stellten, rufen nun Verteidigungsexperten über Parteigrenzen hinweg nach einem «robusten» Marine-Mandat, das auch deutsche Beteiligung an Kampfhandlungen einschliessen soll. Ein Ansinnen, das Berlin in Afghanistan strikte zurückweist.

. . .nach dem «Sirius Star»-Signal

Seit Jahren haben sich die USA, die EU und auch die UNO nicht entschliessen können, eine effiziente internationale Intervention in Somalia zu organisieren, die dem Krieg hätte Einhalt gebieten können. Erst jetzt, da vor allem die Entführung des Supertankers «Sirius Star» die Verletzlichkeit westlicher Handelsrouten schlagartig bewusst macht, ist ein «robustes Intervenieren» in aller Munde – allerdings wiederum nicht an der Wurzel des Übels.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker stellt fest: «Es grenzt an Zynismus, wenn sich die internationale Gemeinschaft trotz der katastrophalen Lage der somalischen Zivilbevölkerung vor allem für die Sicherheit ihrer Handelsrouten interessiert.»

Zynische Logik

Den Vorwurf des Zynismus stützt auch folgende Tatsache: Laut Nicole Stracke vom Anti-terrorismus-Zentrum «Gulf Research Centre» unterhalten die Islamisten, welche die vom Westen gestützte somalische Übergangsregierung bedrohen, keine direkten Kontakte zu den Piraten. Im Gegensatz zu Abdullahi Yusuf Ahmed, dem Übergangspräsidenten: Dieser schützt die Piraten gewollt oder ungewollt, denn er gehört zum Clan der Darod, aus dem viele der Piraten stammen. Selbst wenn er wollte, könnte Abdullahi aber nicht gegen Angehörige seines Stammes vorgehen. Er braucht dessen Milizionäre im Kampf um die Hauptstadt Mogadiscio gegen die Al-Shabaab-Islamisten.

Dies ist letztlich die unsägliche Logik des Krieges gegen den Terrorismus.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.