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Wahlen in der Ukraine: Ping Pong statt Pressekonferenz

Der TV-Komiker Wladimir Selenski hat die erste Runde des Präsidentschaftswahlkampfs sensationell glatt gewonnen. Obwohl er politische Auftritte eigentlich meidet.
Stefan Scholl, Moskau
Wladimir Selenski feierte seinen Sieg gestern mit einem Ping-Pong-Turnier. Bild: Getty (Kiew, 31. März 2019)

Wladimir Selenski feierte seinen Sieg gestern mit einem Ping-Pong-Turnier.
Bild: Getty (Kiew, 31. März 2019)

Das Kiewer Business-Zentrum Parkovy am Dnjeprufer ist im Volksmund auch als «Janukowitschs Hubschrauberlandeplatz» bekannt. Der 2014 von den Maidan-Rebellen aus dem Amt gejagte Staatschef Viktor Janukowitsch hatte das Dach des protzigen Glasbaus nämlich als Startplattform für seine Hubschrauber genutzt. In der Wahlnacht am Sonntag feierte dort aber der Stab des Präsidentschaftskandidaten und TV-Komikers Wladimir Selenski. Und hinter der Eingangskontrolle hatten seine Leute eine grosse Stellwand montiert.

Darauf läuft ein Strichmännchen mit einem Gesicht, das gleichzeitig an den flüchtigen Janukowitsch und Amtsinhaber Petro Poroschenko erinnert, vor einem Polizisten davon. Über ihm fliegt ein Helikopter, aus dem ein rettendes Seil hängt. Aber der Spruch daneben ist klar: «Diesmal entkommst du nicht!»

Poroschenko ist nur noch Aussenseiter

Fast scheint es, als hätten Selenskis Polittechnologen die teure Lokalität nur ausgesucht, um Poroschenko mit dieser witzigen Drohung noch einmal deftig zu verhöhnen. Und wirklich muss sich der Noch-Staatschef mittlerweile ernsthaft um seine politische Zukunft sorgen. Zwar überstand Poroschenko die erste Runde der Präsidentschaftswahlen. Aber in der Stichwahl am Ostersonntag trifft er auf Selenski, der sensationell weit vorne liegt: Nach der Auszählung von knapp 87 Prozent der Stimmen bekommt der smarte Komödiant knapp 30,3 Prozent der Stimmen, Poroschenko nur 16 Prozent. Selenski hat also fast doppelt soviel Ukrainer hinter sich wie der Amtsinhaber.

Laut den Meinungsumfragen wollen auch die Wähler der geschlagenen Kandidaten in der Stichwahl mehrheitlich für Selenski stimmen. Poroschenko ist nur noch Aussenseiter. Dabei hat Selenski einen sonderbaren Wahlkampf geführt. Er mied TV-Debatten und andere politische Auftritte. Bezeichnend, dass er sich auch am Wahlabend nur wenige Minuten zeigte. Statt einer Pressekonferenz veranstaltete er ein Tischtennisturnier für die über 200 Journalisten in seinem Stab. Der Sieger durfte immerhin Ping Pong mit ihm spielen. Im Wahlkampf hatte er sich auf Bühnenauftritte beschränkt und auf die TV-Präsenz seines virtuellen Alter Egos gesetzt, des Geschichtslehrers Wassili Goloborodko in der Serie «Diener des Volkes». Dieser schlichte, aber grundanständige Held wird unerwartet Präsident und beginnt einen erbitterten Kampf gegen Korruption, Bürokratie und die heimischen Oligarchen.

In Kiew gilt es aber als öffentliches Geheimnis, wer wirklich hinter Selenskis Erfolg steckt: der für seine Geldgier bekannte Wirtschaftsboss Igor Kolomoisky. Ihm gehört der TV-Kanal, in dem Selenskis Comic-Shows laufen. Und der «Diener des Volkes». Dort legt sich Held Goloborodko auch mit ziemlich unsympathischen Vertretern der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) an.

Der Kandidat Selenski aber hat sich schon persönlich mit IWF-Leuten getroffen, um ihnen zu versichern, auch er werde eng mit ihnen zusammenarbeiten. «Ich berate nicht Goloborodko, sondern Selenski», sagt Oleksandr Daniljuk, ehemaliger Finanzminister und Selenskis Chefökonomist, unserer Zeitung. Der IWF helfe, die Finanzen der Ukraine zu stabilisieren, Selenskis Mannschaft stehe voll hinter IWF-Programmpunkten wie der Schaffung eines Antikorruptionsgerichts oder der klemmenden Reform der Steuerbehörden. «Die wollen wir nach der Wahl energisch vorantreiben.» Daniljuk ist erklärter Liberaler.

«Diese Wahlen sind noch nicht entschieden»

Goloborodko redet meist russisch, zeigt seine Gefühle offen, ein glühender und volksnaher Patriot, er fährt mit dem Fahrrad ins Präsidialamt. Selenski ist cooler, witzelt bei seinen seltenen Auftritten auf Ukrainisch, grinst dabei sehr amerikanisch und taucht schnell wieder ab. Eine Wahlkampfwundertüte, die gleichzeitig die Hoffnungen westlich gesonnener Hipster und sowjetnostalgischer Rentnerinnen bedient.

Seine Wähler eint zumindest der brodelnde Unmut über das politische Establishment. «Die Leute haben die Nase voll von diesen Politikern, die Europa versprechen, aber Korruption und einen Endloskrieg gegen Russland veranstalten», sagt der Kiewer Politologe Vadim Karasjew. «Sie haben diesen hybriden Zustand satt.» Auch sein Kollege Igor Rejterowitsch glaubt, Selenskis Wähler hätten weniger für ihn als gegen den trostlosen Status Quo gestimmt. «Aber im zweiten Wahlgang mag sich dieser Trend drehen.» Viele Menschen könnten dann zur Wahl gehen, um gegen den undurchschaubaren Komiker und seinen neunzig- bis hundertprozentig fiktiven Wahlkampf zu stimmen. Und es sei fraglich, ob Selenski weiter vor einer Fernsehdebatte mit seinem Konkurrenten Poroschenko kneifen könne. «Diese Wahlen sind noch nicht entschieden.»

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