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Paris wird zur Zeltstadt

Die Polizei hat in der Hauptstadt mehrere Flüchtlingslager geräumt. Fast 3000 Migranten wurden in Aufnahmezentren geschafft. Was mit ihnen geschehen soll, ist unklar.
Stefan Brändle, Paris
Polizisten beobachten die Räumung eines Flüchtlings-Zeltlagers in Paris. (Bild: François Mori/AP (4. Juni 2018)

Polizisten beobachten die Räumung eines Flüchtlings-Zeltlagers in Paris. (Bild: François Mori/AP (4. Juni 2018)

Es war einer dieser Momente, welche die ganze Absurdität des europäischen Asylwesens offenbaren. Hunderte von Bereitschaftspolizisten umzingelten gestern Morgen zwei Migrantenlager – vom Wasser her sogar mit Schiffen. Allein, die jungen Männer aus Afrika, Afghanistan oder Albanien warteten schon um sechs Uhr in der Früh friedlich vor ihren Zelten, vor sich Bündel mit ihren wenigen Habseligkeiten. Von den Hilfswerken vorgewarnt, liessen sie sich widerstandslos in die Autobusse verfrachten.

Offensichtlich waren sie nur froh, ihre trostlosen, verschmutzten Camps an diversen Kanälen um das Pariser Villette-Quartier abzubrechen. Zelt an Zelt lebten die Afrikaner dort ohne fliessendes Wasser und Essgelegenheit, lethargisch wartend oder krank geworden. Nur von gelegentlichen Joggern oder Ratten besucht, waren sie alle paar Tage früh aufgestanden, um sich in die neuste Endloswarteschlange für das Asylverfahren zu stellen. Zwei Männer ertranken im Mai in einem der Kanäle.

Wochenlang hatten sich die Regierung von Präsident Emmanuel Macron und die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo gegenseitig der Untätigkeit bezichtigt. Zuletzt gab Innenminister Gérard Collomb nach und liess insgesamt 2700 Flüchtlinge und Migranten des grössten Zeltlagers Frankreichs evakuieren. Sie wurden in Bussen in mehrere Dutzend Aufnahmezentren gebracht – meist Turnhallen im Grossraum Paris. Dort sollen die Asylbehörden Identitätskontrollen vornehmen.

Kritik von rechts wie von links

Und dann? Das weiss selbst Collomb nicht. Laut dem Minister, der von der Linken der Härte und von der Rechten der Laschheit gescholten wird, sind viele französische Regionen «überschwemmt» von Ankommenden aus Krisenstaaten. Nach einem neuen Rekord von erstmals über 100 000 Asylgesuchen im vergangenen Jahr hat Frankreich kürzlich die Gesetzgebung verschärft, unter anderem durch die Beschleunigung der Asylverfahren.

Aber Collomb räumt selbst ein, dass eine wirkliche Lösung nur gesamteuropäisch sein könne. Die meisten der in Paris ­Gestrandeten sind sogenannte «Dubliners»: Aufgrund des dritten Abkommens von Dublin im Jahre 2013 müssen sie ihr Asylgesuch im ersten EU-Land deponieren, das sie betreten haben. Das ist normalerweise Griechenland, Bulgarien oder Italien. ­Wegen Personalmangels oder der Weigerung Italiens schafft Frankreich nur zehn Prozent der Abgewiesenen in die Ersteintrittsländer zurück. Und selbst wenn, reisen die meisten Ausgeschafften bald wieder zurück in den Norden. Grossbritannien hat zwar an Attraktivität verloren, weshalb das aufgelöste «Dschungelcamp» in Calais offiziell für geschlossen erklärt wurde.

Viele Migranten versuchen es dafür in Paris, wo die Polizeibehörden uneins und entsprechend passiv sind. Im Nordosten der Hauptstadt hatten sich mehrere improvisierte Zeltlager gebildet. Ihre Räumung wird kaum etwas daran ändern, dass jede Woche 400 bis 500 neue Mi­granten ankommen, wie die Hilfsorganisation «France terre d’asile» meint. Das würde bedeuten, dass im Pariser Villette-Viertel nach einem halben Jahr wieder gleich viele Asylsuchende auf der Strasse leben wie vor der neusten Polizeiaktion.

Auch die Direktbetroffenen wissen meist nicht weiter. Ein junger Eritreer sagte zu Journalisten, als er einen Polizeibus bestieg: «Ich weiss nicht, wohin sie mich bringen. Aber egal, ich war zwei Wochen hier, ich kann nicht mehr.» Ein Sudanese, der seine Fingerabdrücke bei seinem EU-Eintritt in Italien hinterlassen hatte, erklärte sich zu allem bereit – nur nicht zur Rückkehr nach Italien, wo er «wie ein Sklave» eingepfercht gewesen sei. Er bevorzugt klar Paris – da lebt er wie ein Clochard.

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