PARIS: Polizeigewalt empört Frankreich

Seit der brutalen Verhaftung eines Schwarzen kommt es in der und um die Pariser Vorstadt Aulnay-sous-Bois seit Tagen zu Ausschreitungen. Präsident François Hollande versucht, die Lage zu entschärfen.

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In der Nacht auf Mittwoch kam es in Aulnay-sous-Bois und umliegenden Gemeinden zum vierten Mal in Folge zu Zusammenstössen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Der Polizeigewerkschafter Yves Lefebvre erklärte gestern, in der Nacht zuvor hätten erneut Dutzende Autos gebrannt; mehr als zehn Randalierer seien verhaftet worden.

Auslöser war die Polizeikontrolle eines 22-jährigen Anwohners, von dem nur der Vornamen Théo bekannt ist. Einer der uniformierten Polizisten misshandelte den Schwarzen, indem er ihm offenbar seinen Schlagstock in den After trieb. Im Spital stellten die Ärzte eine 10 Zentimeter lange Risswunde fest. Die Szene wurde von Augenzeugen per Handy gefilmt und ins Internet gestellt. In Aulnay kam es zu Protestaufläufen und einer Gegendemonstration. In der Nacht brannten die ersten Autos.

Von politischer Seite hagelte es empörte bis entsetzte Reaktionen. Selbst Stimmen, die normalerweise die Polizei in Schutz nehmen, äusserten ihre Abscheu. Der konservative Bürgermeister von Aulnay-sous-Bois, Bruno Beschizza, ein früherer Polizeioffizier, erklärte, seine Ex-Kollegen hätten mit dem jungen Mann die ganze Gemeinde «erniedrigt». Ähnlich klang es bei allen anderen Parteien mit Ausnahme von Marine Le Pen, die erklärte: «Ich unterstütze aus Prinzip die Polizei, ausser wenn die Justiz ein Delikt nachgewiesen hat.»

Premierminister Bernard Cazeneuve liess die vier Polizisten umgehend vom Dienst suspendieren. Gegen den Haupttäter lancierte die Justiz ein Strafverfahren wegen Vergewaltigung, gegen die drei anderen wegen Gewaltanwendung. Ermittelt wird auch wegen rassistischer Äusserungen, erklärte doch Théo, man habe ihn als «négro» und «bamboula» beschimpft.

Anwalt spricht von Unfall

Der Anwalt der vier Polizisten erklärte, die Hose des malträtierten Opfers sei von selbst heruntergefallen, der von hinten angesetzte Schlagstock sei wegen der Gegenwehr «unbeabsichtigt» in den Mann eingedrungen. Der bekannte Pariser Anwalt Eric Dupond-Moretti, der die Opferfamilie vertritt, bestreitet diese «Unfallthese» und meinte, Théo hätte nicht einmal ein Festhalten verdient, habe er sich doch nichts zu schulden kommen lassen. Auch wenn die Arbeit der Einheiten gegen den Drogenhandel sehr schwierig ist, offenbart der Gewalteinsatz, wie wahllos sie offenbar gegen blosse Verdächtige – wenn überhaupt – vorgehen. Théos Anwalt meinte jedenfalls, sein Klient sei bei der Polizei nicht registriert gewesen.

Staatschef François Hollande reagierte unerwartet prompt und stattete Théo am Krankenbett einen Solidaritätsbesuch ab. Wie gewünscht erliess der junge Mann vor den TV-Kameras einen wohl inszenierten Appell: «Jungs, stoppt den Krieg! Halten wir zusammen. Ich habe Vertrauen in die Justiz.»

In Paris stellten sich gestern zahlreiche Showbusiness-Grössen auf Théos Seite; der italienische Fussballclub Inter Mailand, dessen Leibchen er auf einem Foto aus dem Spital trägt, lud ihn an ein Spiel ein. Auch Hollandes Visite ging über das politische Kalkül hinaus. In Frankreich bezieht ein Staatschef kaum je so eindeutig Stellung gegen nationale Polizisten und für Banlieue-Bewohner, die in ihren Ghettos sonst von den Behörden schlicht ignoriert werden. Die präsidiale Stippvisite, die wohl undenkbar gewesen wäre, wenn Hollande für seine Wiederwahl kandidieren würde, überraschte sogar in Aulnay-sous-Bois und sorgte sicherlich für eine gewisse Entspannung. Am Wochenende wird sich wohl entscheiden, ob die Unruhen abflauen oder sich wie 2005 zu einem Flächenbrand ausweiten.

Stefan Brändle/Paris