«Papst wird massiv behindert»

Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi hat gestern sein neues Buch über dubiose Geschäfte und Intrigen im Vatikan vorgestellt. Kurz zuvor waren zwei seiner Informanten verhaftet worden. Ein Gespräch.

Dominik Straub/Rom
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Dunkle Wolken über dem Vatikan: Ein neues Buch zeichnet das Bild eines ausser Kontrolle geratenen Kirchenstaates. (Bild: ap/Andrew Medichini)

Dunkle Wolken über dem Vatikan: Ein neues Buch zeichnet das Bild eines ausser Kontrolle geratenen Kirchenstaates. (Bild: ap/Andrew Medichini)

Herr Nuzzi, was sagen Sie zu den Verhaftungen der beiden Vatikan-Maulwürfe?

Gianluigi Nuzzi: Mit Handschellen auf ein Buch zu reagieren, ist meiner Meinung nach ein abnormales Verhalten – ein Versuch, von den Problemen abzulenken, die im Buch aufgelistet werden. Andererseits verstehe ich eine gewisse Nervosität auf Seiten des Vatikans, angesichts des schwerwiegenden Inhalts der Dokumente, die im Buch verarbeitet werden.

Vatikansprecher Federico Lombardi hat auch gegen Sie schweres Geschütz aufgefahren. Im Vatikan scheint man Angst vor Ihrem Buch zu haben.

Nuzzi: Ich hoffe, dass die Überreaktion bloss auf die Frustration darüber zurückzuführen ist, dass die Mauern des Vatikans nicht mehr so dicht sind wie einst.

Es handelt sich bereits um das zweite «Vatileaks», nach jenem um den ungetreuen Butler von Papst Benedikt XVI. Sind es immer noch dieselben Kreise, die vertrauliche Dokumente weitergeben?

Nuzzi: Es sind immer noch Personen, die sich voll und ganz für Kirche und Papst einsetzen und die ein Unbehagen verspüren, weil sie sehen, dass die Reformen ihres obersten Arbeitgebers behindert werden. Der Butler Paolo Gabriele erlebte einen isolierten Papst, dem wichtige Informationen vorenthalten wurden.

Und die neuen Maulwürfe?

Nuzzi: Franziskus stand bei seinem Amtsantritt vor gewaltigen Problemen und wollte diese lösen. Aber auch er wird massiv behindert. Zugleich versuchen seine Gegner, seine Autorität zu untergraben. Dabei ist ihnen jedes Mittel recht – sogar eine Falschmeldung über einen Gehirntumor des Papstes.

In Ihrem Buch sprechen Sie von einem regelrechten «Krieg in der Kurie», von Geldverschwendung und Korruption. Wie äussert sich das?

Nuzzi: Es gibt Kurienkardinäle, die in 500 Quadratmeter grossen Wohnungen residieren. Der Einzige, der im Vatikan in einer 50-Quadratmeter-Wohnung lebt, ist der Papst. Die Kardinäle müssten die Reformen von Franziskus umsetzen. Daran haben sie aber kein Interesse, weil sie viel zu verlieren haben. Stattdessen wurden Spenden für wohltätige Zwecke zum Stopfen der Finanzlöcher in der Kurie abgezweigt.

Sie zeichnen ein düsteres Bild: Bei den Vatikanfinanzen mangle es an Transparenz und der Kirchenstaat sei nahe am Bankrott. Hat sich unter Franziskus denn wirklich nichts verändert?

Nuzzi: Die geschilderten Zustände sind im Revisorenbericht enthalten, den Franziskus kurz nach seiner Wahl anfertigen liess. Es handelt sich um eine Momentaufnahme beim Beginn des Pontifikats. Aber der eingeschlagene Weg ist positiv. Ohne die mannigfachen Widerstände in der Kurie hätte Franziskus freilich noch viel mehr erreichen können.

Wie stark ist die Position von Franziskus im Kirchenstaat? Ist er wirklich «einsam unter Wölfen», wie es im Buch eines Vatikankenners heisst?

Nuzzi: Das tönt natürlich suggestiv. Die Wölfe gibt es. Aber es gibt im Vatikan auch Leute, die den Papst bei seinen Reformen unterstützen.

Nach dem ersten «Vatileaks» erlebte die Kirche den ersten Papstrücktritt seit 700 Jahren. Wie wird es diesmal enden?

Nuzzi: Ich bezweifle, dass Franziskus zurücktreten wird. Er will die Mentalität im Vatikan ändern. Das braucht Zeit, der Papst wird nicht aufgeben.