Papst Franziskus nennt Lohndrücker «Blutsauger»

ROM. Papst Franziskus hat Arbeitgeber, die ihren Reichtum durch die Ausbeutung ihrer Angestellten erzielen, als «Blutsauger» bezeichnet. Lohndumping sei moderne Sklaverei.

Dominik Straub
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Papst Franziskus Oberhaupt der Katholiken (Bild: ap)

Papst Franziskus Oberhaupt der Katholiken (Bild: ap)

ROM. Papst Franziskus hat Arbeitgeber, die ihren Reichtum durch die Ausbeutung ihrer Angestellten erzielen, als «Blutsauger» bezeichnet. Lohndumping sei moderne Sklaverei.

Päpstlicher Klartext

Zum Thema prekäre Arbeitsverhältnisse, Lohndrückerei und Schwarzarbeit hat sich der Papst an der gestrigen Frühmesse in der Kapelle des vatikanischen Pilgerwohnheims Santa Marta geäussert. Wie gewohnt nahm er dabei kein Blatt vor den Mund: «Auf der ganzen Welt passiert das Gleiche. Sie bieten dir einen Vertrag an – von September bis Juni, ohne Rentenbeiträge und Krankenversicherung. Im Juni kündigen sie den Vertrag, und im Juli und im August muss der Arbeitnehmer Luft essen. Im September bekommt er den Vertrag dann wieder. Die Arbeitgeber, die das machen, sind Blutsauger und leben vom Aderlass der Menschen, die sie zu Arbeitssklaven machen. Das Blut dieser Menschen sei <ein Schrei zu Gott und ein Schrei nach Gerechtigkeit>.»

Kuschen oder den Platz räumen

Man habe gedacht, dass die Sklaverei abgeschafft sei, führte der Papst weiter aus. Tatsächlich würden Menschen heute nicht mehr in Afrika eingefangen und zum Verkauf nach Nordamerika verschifft. Die moderne Sklaverei finde «hier und jetzt in unseren Städten» statt, sagte Franziskus und berichtete von einer jungen Frau, die ihm persönlich ihre Situation geschildert habe. Sie verdiene mit einem Elf-Stunden-Tag monatlich 650 Euro, natürlich schwarz. Man habe sie vor die Wahl gestellt: Sie könne die Bedingungen akzeptieren – oder ihren Platz für die zahlreichen anderen Bewerber räumen, die für den gleichen Job schon Schlange stünden. Für solche Unternehmer gelte das Bibelwort: «Ihr mästet euch für euren Schlachttag.»

«Das ist eine Todsünde»

Der argentinische Papst ist sich bewusst, dass ihm zuweilen vorgeworfen wird, mit marxistischen Ideen zu sympathisieren. Er versicherte deshalb vorsorglich, dass «Reichtum an sich etwas Gutes» sei. Man dürfe aber nicht den Fehler begehen, dies absolut zu sehen und eine «Theologie des Wohlstands» zu entwickeln nach dem Motto «Gott zeigt dir, dass du würdig bist, wenn er dir viel Reichtum gibt».

Entscheidend sei, wie Reichtum entstehe. «Menschen zu einem Hungerlohn arbeiten zu lassen, um selbst Profit daraus zu ziehen, heisst vom Blut dieser Menschen leben: «Das ist Todsünde!», rief der Papst. Es brauche «sehr viel Reue» und es müsse «sehr viel rückerstattet werden», um sich von dieser Sünde loszukaufen.

Jakobusbrief und fairer Lohn

Franziskus bezog sich in seiner Predigt auf eine Stelle im Jakobusbrief im Neuen Testament: «Aber der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben, der Lohn, den ihr ihnen vorenthalten habt, schreit zum Himmel; die Klagen derer, die eure Ernte eingebracht haben, dringen zu den Ohren des Herrn der himmlischen Heere.»

Wahrscheinlich ist unlängst auch etwas zu den Ohren des Stellvertreters des Herrn auf Erden gedrungen: Vor einer Woche hatte die Menschenrechtsorganisation Oxfam die Arbeitsbedingungen in der US-Geflügelindustrie angeprangert und berichtet, dass der Mehrheit der insgesamt 250 000 dort Beschäftigten der Gang auf die Toilette verweigert werde; viele von ihnen würden deswegen in Windeln zur Arbeit erscheinen. Nicht nur die Sklaverei existiert weiter – auch die Würde des Menschen bleibt offenbar weiterhin sehr fragil und antastbar. Der Papst nennt die Sache beim Namen: Blutsauger.