Pandemie

Zumindest die Queen ist geimpft: Wie die Coronamutation Grossbritannien überrollt

Königin Elizabeth II. hat sich am Wochenende impfen lassen. Das britische Gesundheitssystem steht derweil vor dem Kollaps.

Sebastian Borger aus London
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Krankenwagen stehen Schlange vor Londons Spitälern: Covid-19 bringt das britische Gesundheitssystem an den Rand des Zusammenbruchs.

Krankenwagen stehen Schlange vor Londons Spitälern: Covid-19 bringt das britische Gesundheitssystem an den Rand des Zusammenbruchs.

Andy Rain / EPA

Bereits im Advent hatte Dawn Alexander-Joseph ihre örtliche Nord-Londoner Arztpraxis an der Strippe: Ob ihre 82-jährige Mutter Alti in vier Tagen in eine wenige Kilometer entfernte Poliklinik kommen könne? Begeistert willigte die Primarschullehrerin ein, vor Ort lief alles wie am Schnürchen, binnen weniger Minuten erhielt die an leichter Demenz leidende alte Dame den kleinen Pieks. «Das schien mir alles sehr gut organisiert zu sein», erinnert sich Alexander-Joseph an den Tag Mitte Dezember.

Als um den Jahreswechsel die Regierung mitteilte, fortan werde der Abstand zwischen erster und zweiter Dosis von drei Wochen auf bis zu drei Monate vergrössert, «rechnete ich jeden Tag mit dem Anruf, wir sollten erstmal nicht wiederkommen».

Das Befürchtete blieb aus, die Patientin erhielt vergangene Woche die zweite Dosis – und Alexander-Joseph spürte Erleichterung: «Natürlich macht man sich immer Sorgen, zumal als Lehrerin, welche Viren man nach Hause mitbringt.» Auch ihre beiden Söhne, 19 und 22 Jahre alt, mussten der Grossmutter zuliebe besondere Vorsicht walten lassen. Die Vorsicht bleibt, Altis Gefährdung aber ist stark reduziert.

Wenige Häuser weiter hat eine Nachbarin der Familie ebenfalls beide Dosen erhalten, ein weiterer Nachbar berichtet Gleiches von seiner im westenglischen Plymouth lebenden Mutter. Und plötzlich wird spürbar, wie sich in dieser ganz normalen Wohnstrasse, sieben Kilometer Luftlinie von Boris Johnsons Amtssitz in der Downing Street entfernt, die graue Wolke der Coronabedrohung ein wenig zu lichten beginnt.

900 Tote jeden Tag im Zusammenhang mit Corona

An die zwei Millionen Menschen geniessen auf der Insel bereits Immunität gegen Sars-CoV-2, die meisten mit Hilfe des Biontech/Pfizer-Medikaments, seit vergangener Woche auch eine zunehmende Anzahl durch den Oxford/Astrazeneca-Wirkstoff. Zuletzt waren es täglich rund 200000 Alte oder gesundheitlich Vorbelastete, hat Gesundheitsminister Matthew Hancock am Sonntag der BBC berichtet. Dazu zählten am Samstag auch Königin Elizabeth II., 94, und ihr Prinzgemahl Philip, 99.

Gute Nachrichten von der Impffront haben die Briten bitter nötig. Eine neuartige Mutation von Sars-CoV-2 namens B.1.1.7, gepaart mit der Disziplinlosigkeit der Bevölkerung, hat die Infektionen explodieren lassen. Im November waren in London und der südöstlich angrenzenden Grafschaft Kent 28 Prozent der Covid-19-Fälle auf die Mutation zurückzuführen, im vergangenen Monat betrug der Anteil bereits 62 Prozent.

Für die Infizierten besteht zwar nach bisherigen Erkenntnissen nicht die Gefahr eines schwereren Verlaufs oder höherer Mortalität; die Variante kann aber die Infektionsrate um bis zu 70 Prozent in die Höhe treiben.

In einzelnen Bezirken wurden zuletzt bis zu 1603 Neuinfektionen pro Woche gezählt. Landesweit gab es am Freitag den Tagesrekordstand von 68'053, im Durchschnitt der vergangenen Woche wurden täglich knapp 60'000 Corona-Positive gezählt, beinahe doppelt so viele wie Ende Dezember. Täglich sterben im Durchschnitt 900 Patienten an den Folgen einer Coronainfektion, der Statistikbehörde ONS zufolge nähert sich die Gesamtzahl der 10'0000er-Marke. Im Kampf gegen Covid stehe man «vor dem bisher schwierigsten Moment», warnt Christopher Whitty, der höchste Gesundheitsbeamte des Landes.

Johnson verbreitet Optimismus

Schon werden Polizisten zum Dienst als Ambulanzfahrer herangezogen, schicken Londoner Spitäler ihre Patienten ins 360 Kilometer entfernte Plymouth. Der gerade erst verschärfte Lockdown wird erstmals durch saftige Geldstrafen durchgesetzt.

Wie stets verbreitet Premier Johnson derweil Optimismus. Gewiss werde es in den kommenden Wochen «Stückwerk und Holprigkeiten» (lumpiness and bumpiness) geben. Der Regierungschef zeigt sich aber überzeugt: Bis Mitte Februar werde genug Impfstoff zur Verfügung stehen, um die wichtigsten Risikogruppen zu versorgen. Dazu zählen alle Briten über 70 Jahre, gesundheitlich Vorbelastete sowie das Personal in Spitälern sowie Alten- und Pflegeheimen, insgesamt knapp 14 Millionen Menschen.