Pandemie
Zu langsam, zu unklar: Diese 6 Fehler machte Schweden im Kampf gegen Corona

Schwedens Parlament hat die Strategie der Regierung untersucht. Die Kritik ist heftig.

Niels Anner, Kopenhagen
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Lag er doch falsch? Schwedens Chefepidemiologe Anders Tegnell.

Lag er doch falsch? Schwedens Chefepidemiologe Anders Tegnell.

EPA

Bis vor kurzem hatte Schweden die höchsten Ansteckungszahlen Europas – doch jetzt sinken sie rasant, die Impfungen und die Immunität in der Bevölkerung zeigen Wirkung. Der Sonderweg ohne Lockdown bleibt umstritten: Restaurants waren nie geschlossen, Maskenpflicht gibt es bis heute nicht. Die Todeszahlen liegen deutlich höher als in den Nachbarländern, etwas höher als in der Schweiz, aber tiefer als in Ländern mit hartem Lockdown wie Frankreich oder Italien.

Das mächtige Kontrollkomitee des schwedischen Parlaments (KU) hat nun die Arbeit der Regierung beurteilt. Das Fazit: Die Regierung habe zwar bei weitem nicht alles falsch gemacht, aber «der Umgang mit der Pandemie war mangelhaft», so Karin Enström, Präsidentin des KU.

Es gab nie eine wirkliche Corona-Strategie

Hatte die Regierung überhaupt eine Strategie? Es gab nie einen Beschluss darüber, sondern lediglich eine Art Arbeitspapier, das luftige Ziele wie «Infektionen eindämmen» oder «Ressourcen für Spitäler sichern» beinhaltete. Wie die Ziele erreicht werden sollten, blieb offen. Dies macht insofern Sinn, als in Schweden die Behörden für die Umsetzung der von der Regierung vorgegebenen Politik verantwortlich sind. Minister sollen sich nicht in Details einmischen. Dies erklärt, warum Staatsepidemiologe Anders Tegnell die schwedische Strategie prägte, während in anderen Ländern die Regierungen zum Teil mit Notrecht durchgriffen.

Pandemiegesetz kam viel zu spät

Erst im Januar 2021 trat das Pandemie-Gesetz in Kraft. Dieses gibt der Regierung Befugnisse, Einschränkungen oder Schliessungen von Geschäften zu verfügen sowie die Freiheiten der Bürger zu beschneiden. Viel zu spät, bemängelt das KU.

Wegschauen bei den Altersheimen

Die Regierung räumte das Versagen in den Altersheimen, wo viele an Covid-19 starben, zwar früh ein, betonte aber, die Gemeinden seien für die Heime zuständig. Laut dem KU hätte der Staat dennoch schneller ein Besuchsverbot durchsetzen sollen. Gleichzeitig habe es zu lange gedauert, bis man auf die Folgen der Isolation von Senioren in Heimen eingegangen sei.

Die Senioren wurden in Schweden lange zu wenig beachtet.

Die Senioren wurden in Schweden lange zu wenig beachtet.

Keystone

Testen, klar – aber wer solls machen?

Wegen unklaren Zuständigkeiten zwischen nationalen und regionalen Behörden habe es zu lange gedauert, bis wirklich breit getestet worden sei.

Pfleger mussten eigene Schutzkleider basteln

Nach dem Kalten Krieg aufgelöste Lager sowie unklare Verantwortlichkeiten für die Beschaffung führten zu Mangel an Schutzausrüstung. Das Pflegepersonal musste sich teilweise mit selbst gebastelter Schutzkleidung behelfen.

Anzahl Personen bei Veranstaltungen

Diese lag lange bei 50 Personen, dann fast ein Jahr lang bei nur 8 Personen. Die Regeln seien unklar gewesen – und die Einschränkungen so massiv, dass viele sie nicht nachvollziehen konnten, so das KU.

Gewisse Fehler hat die Regierung zugegeben. Ministerpräsident Stefan Löfven erklärte, die Themen Altersheime und Testen seien besonders gravierend. Zurücktreten wird niemand, doch die Opposition und die Kritiker der schwedischen Strategie sehen sich endgültig bestärkt darin, dass die Regierung versagt hat.