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PAKISTAN: Wo Lynchmobs Gotteslästerer jagen

Etwa 2 Prozent der Pakistaner sind Christen. Regelmässig wird der Minderheit Gotteslästerung unterstellt. Den Verdächtigten droht Folter und Lynchjustiz – wie der Fall des 24-jährigen Sajid Masih zeigt.
Ulrike Putz, Singapur

Ob Sajid Masih überleben wird, können die Ärzte noch nicht sagen: Seit nunmehr zehn Tagen liegt der 24-Jährige mit zertrümmertem Schädel, gebrochenen Wirbeln und eingegipsten Beinen auf der Intensivstation des Mayo-Spitals im pakistanischen Lahore. Eigentlich müsste er operiert werden, doch dazu geht es ihm zu schlecht, seit er sich am 23. Februar aus dem vierten Stock der örtlichen Polizeiwache stürzte.

Masih sprang, weil die Polizeibeamten, die ihn bereits mehrere Stunden lang verhört und geschlagen hatten, ihn gezwungen haben sollen, an seinem Cousin Patras Masih Oralsex vorzunehmen. «Sie hatten schon Patras’ Hosen heruntergezogen», flüsterte Masih seiner Anwältin ­Aneeqa Maria zu, als er schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Maria zeichnete die Aussage mit ihrem Handy auf. Die Polizei bestreitet Masihs Darstellung: Der junge Christ sei aus dem Fenster gesprungen, weil er sich seiner gerechten Strafe habe entziehen wollen.

Masih und sein Cousin sind die jüngsten Opfer einer Welle der Gewalt gegen Christen in Pakistan. Die Angriffe werden jeweils damit gerechtfertigt, dass die Christen sich angeblich blasphemisch geäussert haben sollen. Masih etwa soll seinem Cousin eine antiislamische Karikatur geschickt haben, die dieser dann auf Facebook gepostet haben soll. Auf dem Bild soll zu sehen sein, wie ein Mann einen Fuss auf die Kuppel der Masjid-e-Nabvi-Moschee in Saudi-Arabien stellt. Das gilt in Pakistan als ­Verunglimpfung des Islam – und darauf steht die Todesstrafe. Doch oft kommt es gar nicht dazu, dass die der Gotteslästerung Angeklagten vor einem Richter landen. Lynchjustiz ist an der Tagesordnung. Dann jagt der aufgebrachte Mob Menschen, deren Schuld nicht bewiesen ist – so wie im Fall der Masihs.

Hunderte Christen verlassen ihre Häuser

Mehrere hundert Anhänger der radikal­islamischen Gruppe Tehreek i Labaik Ya Rasool Allah (Tlyra) stürmten am 19. Februar das christliche Viertel Shahdara in Lahore, in dem die Masihs zu Hause sind. Sie forderten die Herausgabe Patras’. Sie drohten, das ganze Viertel niederzubrennen. Patras, der als Putzmann in einer Bank arbeitet, floh. Noch am Abend stellte er sich der Polizei – weil er glaubte, in Gewahrsam sicher zu sein. Kurz darauf hätten die Ermittler dann auch Sajid vorgeladen, und die Katastrophe habe ihren Lauf genommen, berichten Verwandte. Aus Angst vor dem Mob habe sich das Viertel Shahdara seit dem Zwischenfall geleert, schreiben lokale Zeitungen. Bis zu 1500 Christen seien aus ihren Häusern geflohen. Etwa 2 Prozent der 207 Millionen Pakistaner sind Christen.

Die Sorge der Menschen, als Andersgläubige zum Ziel willkürlicher Anschuldigungen und Gewalt zu werden, ist begründet. Menschenrechtler beklagen, dass Christen und Angehörige anderer religiöser Minderheiten in Pakistan regelmässig ins Visier von Extremisten gerieten. Der Vorwurf der Blasphemie ist in Pakistan überdies ein probates Mittel, um lästigen Konkurrenten in Wirtschaft und Politik Knüppel zwischen die Beine zu werfen.

Die Anschuldigungen beschränken sich dabei nicht nur auf Christen. Letzten Oktober kam die Regierung selbst in Bedrängnis. Die jetzt wieder in Erscheinung getretene Organisation Tlyra protestierte damals so lange gegen die angebliche Gottlosigkeit des Justizministers, bis dieser zurücktreten musste. Aus Zorn über die Abänderung einer Eidesformel legten die Radikalen wochenlang den Verkehr in Islamabad lahm. Die Regierung sah sich letztlich gezwungen, einzulenken.

Ulrike Putz, Singapur

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